Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 11 (November 1935)
- Article
- Das Wirtschaftsbarometer Oktober 1935
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 608 (sequence 2)
- Language
- German
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bracht, die bisher unterm Schleier der »Prosperity« latent geblieben waren. Vor allem rechnet zu diesen Schwächen das Mißverhältnis zwischen reichlich beanspruchtem und oft noch reichlicher gewährtem Kredit einerseits und allzu knappem Eigenkapital anderseits bei den kleinen und mittleren Bauunternehmern, bei vielen Gewerbetreibenden und beim Einzelhandel, der außerdem an teilweise erdrückender Konkurrenz und an übermäßiger Spesenbelastung (die Phantasie-Ladenmieten in gewissen Hauptstraßen Tel Avivs!) litt. Jetzt sind diese Schäden offen zutage getreten, und die Strenge der heutigen Kreditpolitik wird bewirken, daß eine Anzahl nicht mehr haltbarer Existenzen aus dem Unternehmertum ausgeschieden werden. Eine solche »Reinigung« gilt vielen Beobachtern aus Wirtschafts-, Verwaltungs- und Arbeiterkreisen für begrüßenswert, und sie ist es sicherlich auch insoweit, als sie den Aufbau Palästinas von spekulierenden und sonstwie unproduktiven Mitläufern säubert. Natürlich ist aber die Grenze zwischen einer notwendigen Reinigung, die das Krankhafte ausrodet, und einer Pferdekur, die auch gesunden Existenzen zum Verhängnis werden kann, gar nicht so leicht zu ziehen, am allerwenigsten in Palästina, wo alles noch im Werden ist, und wo viele bewährte volkswirtschaftliche Maßstäbe ganz versagen. Die verantwortlichen Wirtschaftsführer Palästinas, insbesondere die Leiter der Großbanken, werden es daher nicht leicht haben, die Politik der Kredit-Stabilisierung praktisch durchzuführen, die auf einer vom Tel Aviver Levantemeßamt veranstalteten Wirtschafts-Kundgebung am 9. Oktober feierlich avisiert wurde. In diesem etwas kritischen Moment, da der private Baumarkt stockt, und da auch Handel und Industrie ihre Spesen und Risiken möglichst zu begrenzen suchen, ist es zwecks Vermeidung einer akuten Arbeitslosigkeit wichtig, daß öffentliche Arbeiten in großem Ausmaß in Angriff genommen werden. Die Stadt Tel Aviv hat in der zweiten Oktoberhälfte mit einem Arbeitsprogramm im Kostenwert von 40.000 £P begonnen, das Schulbauten, Straßenbau und Kanalisationsbau umfaßt; für ein Bauprogramm im Werte von weiteren 200.000 £P wartet sie noch die Regierungserlaubnis ab. Auch die Städte Jerusalem, Jaffa und Haifa stehen vor-umfassenden Bauplänen (z. B. in Jerusalem die neue Ringstraße), und nicht zuletzt rechnet man auf die Regierung, deren Staatsschatz dank neuer Einnahmenüberschüsse bis zum 1. Oktober 1935 6,005.516 £P (1. September 5,824.515) erreicht hat. Ein weiteres Ventil für überschüssig werdende städtische Arbeitskräfte öffnet sich gerade jetzt in der Landwirtschaft, die für die neue Orangenernte viele Tausende von neuen Arbeitshänden verlangen wird. So ist für einen Ausgleich gesorgt, der uns berechtigt, allzu depressiven Stimmungen entgegenzutreten und gewissen übernervösen Gemütern guten Gewissens den Gleichmut entgegenzuhalten, mit dem die Pioniere unseres Aufbauwerkes in Sumpfzonen und Fiebernestern durch die härtesten Jahre sich hindurchgekämpft haben. Es darf auch die Vermutung ausgesprochen werden, daß neue Zuflüsse starker Immigration und Kapitaleinfuhr, die bei der heutigen Notlage der Juden in Mittel- und Osteuropa in nächster Zeit weiterhin sicherlich zu erwarten sind, als frische Auftriebselemente den Schatten von der Prosperity bald wieder verscheuchen werden. Unter diesem Gesichtspunkt ist es höchst bemerkenswert, daß der palästinensische Effektenmarkt sich von den Aufregungen der August-September-Wende rasch wieder erholt hat und über gute Nachfrage für seine Standardpapiere, zumal Pfandbriefe und Vorzugsaktien der »General Mortgage«, berichtet. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß neuerdings in Tel Aviv regelmäßige Versammlungen der Bank-Kreise zwecks gemeinsamer Effekten-Kursermittlung eingerichtet worden sind, der inoffizielle Auftakt zu einer künftigen regulären Tel Aviver Effektenbörse. Einen sehr interessanten statistischen Nachhall haben die Bankdepot-Abhebungen der palästinensischen Bevölkerung während des Monats September in der neuesten Gestaltung des