Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1935)
- Article
- Hygienische Streifzüge in Palästina
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 526 (sequence 1)
- Language
- German
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526 Hygienische Streifzüge in Palästina Von Prof* Dr. W, Roth, Haifa. Als ich in den neunziger Jahren in Breslau mein Studium begann, hörte ich auch bei dem damaligen Hygieniker der dortigen Universität Prof. Dr. Hirt die für »Hörer aller Fakultäten« angekündigte »Allgemeine Vorlesung üer Hygiene«. Derartige öffentliche Gratiskollegs waren zu jener Zeit noch eine große Seltenheit und daher auch glänzend besucht. In seiner ersten Vorlesung behandelte nun Prof. Hirt in ganz eingehender Weise die mosaische Gesetzgebung, pries sie als eine der bewundernswertesten hygienischen Leistungen und erklärte, daß, wenn auch manche ihrer Vorschriften hauptsächlich für den Orient in Betracht kommen, einzelne ihrer Bestimmungen noch heute wünschenswerte unerreichte Forderungen seien. Für die meisten Zuhörer, Juden wie Nichtjuden, war diese Auffassung jüdischer Riten und Gebräuche etwas ganz Neues und Überraschendes. Galten doch auch bei vielen Studenten wie bei dem größeren Publikum die Juden im allgemeinen für nicht gerade sehr sauber und hygienisch. Als dann 1911 die Erste Internationale Hygieneausstellung in Dresden auch eine sehenswerte jüdische Abteilung brachte, bekamen auch die zahlreichen Besucher dieser Ausstellung einen Begriff von den Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Hygiene, vielfach in der verschleierten Form religiöser Vorschriften. Von diesen seien hier nur erwähnt die über Waschungen, über die Bekämpfung ansteckender Krankheiten, über Nahrungsmittel, über Verwandtenehe und vor allem die Einführung eines Ruhetages. Auch an späteren Ausstellungen auf dem Gebiete der Hygiene beteiligten sich jüdischen Institutionen, wie z. B. an der großen Düsseldorfer Ausstellung, und stets besaßen diese jüdischen Abteilungen eine große Anziehungskraft bei dem Publikum. Jüdische Forscher nahmen und nehmen auch an der noch verhältnismäßig jungen Hygiene als Wissenschaft lebhaften Anteil. Es sei nur an den Augenarzt Hermann Cohn in Breslau, den Vater Emil Ludwigs, erinnert, der einer der ersten deutschen Schulhygieniker gewesen ist. Die Hygiene teilt man heute ein 1. in die individuelle Hygiene, das heißt den Teil, dessen Forderungen der einzelne Mensch erfüllen soll und kann, und 2. in die öffentliche Hygiene, soziale Hygiene, deren Verwirklichung Aufgabe der Öffentlichkeit ist. Die Hygiene befaßt sich daher heute ebenso mit der Krankheitsverhütung und Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit wie auch mit den Wohnungs-, Boden-, Wasser- und Abwasserverhältnissen, mit Fragen der Kanalisation und Desinfektion, der Krankenhäuser, Beerdigungsstätten, der Kleidung, Nahrungsmittel, mit den Aufgaben der Ventilation und Beleuchtung, mit den Verhältnissen in der Schule, in den Gewerben usw. Betrachtet man nun vom Standpunkte der Hygiene das heutige Palästina, so muß man zunächst die Leistungen anerkennen, die auf dem Gebiete der Bodenverbesserung, der Drainage und Aufforstung erzielt worden sind und weiter erzielt werden. Daß natürlich jahrhundertelange Vernachlässigungen, langjährige Verwüstungen und Zerstörungen nicht in in paar Jahren gutgemacht werden können, versteht sich von selbst. Die jüdischen Niederlassungen und Bauten besitzen heute fast alle moderne Wasser-, Licht- und Kanalisationsanlagen, wenn auch bei dem rapiden Wachsen der Bevölkerung die Vorrichtungen nicht immer völlig genügen können. Daß z. B. die so schwere Aufgabe, das hochgelegene Jerusalem mit genügend gutem Wasser zu versorgen, gelöst ist — es geschieht dies von den 62 km entfernten, niedriger gelegenen Quellen von Ras el En aus, und zum Hochpumpen des Wassers sind vier Stationen bei Ras el En, Latrun, Bab el Wad und Saris erforderlich; das Wasser kann aber zu einem um die Hälfte