Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1935-08-01 · Heft 8-9 (August 1935) · p. Seite 439

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
18 (1935)
Issue
Heft 8-9 (August 1935)
Article
Produktivierung der Juden in Palästina - ein Irrweg?
Date
1935-08-01
Page
Seite 439 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2379786-2379926-2379935-2405389--20847-2405680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

verzinst und getilgt werden.) Die Steuerzahler verzichten in der Regel auf die Deckung viel weniger dringlicher Bedürfnisse. Der Genußzuwachs bei den Arbeitslosen ist demnach viel größer, als der Genußentgang bei den Steuerzahlern. Also ist ein solcher Interventionismus nicht nur nicht deproduktiv, sondern umgekehrt produktiv1. Hiegegen gibt es allerdings einen schwerwiegenden Einwand, den aber Horowitz gar nicht berührt. Das ist die Frage, auf welche Weise die Gelder für die öffentlichen Arbeiten usw. aufgebracht werden, und wie die Aufbringung wirkt. Dieses Problem ist mit der Struktur der unternehmerischen Marktwirtschaft aufs engste verknüpft. An die »überschüssigen Einkommen«, die nach Horowitz abgeschöpft werden sollen, kommt der Staat nämlich, solange er nicht zu Konfiskationen, also zu »sozialistischen« Mitteln greift, nur schwer heran. Steuerzahler sind neben den Rentner- und Beamtenschichten, die wir vernachlässigen können, die mit Gewinn arbeitenden Unternehmen. In der Krise ist dieser »gesunde« Teil der Wirtschaft kleiner als im Aufschwung, und entsprechend ist der Anteil der gewinnlos oder mit Verlust arbeitenden Unternehmen in der Krise größer. Aus diesem »kranken« Teil der Wirtschaft sind die Arbeitslosen entlassen worden; und auch die Riesensummen kurzfristig kündbarer Gelder auf den Banken sind aus diesem Sektor herausgezogenes Kapital. Es besteht nun die Gefahr, daß die Steuerschraube dieses müßige Kapital unberührt läßt und gerade den »gesunden« Teil der Wirtschaft auspreßt, und daß die betroffenen Unternehmer auf den — tatsächlichen oder auch nur vorgespiegelten — Gewinnschwund mit Betriebseinschränkungen, Stillegungen, Kapitalflucht ins Ausland usw. reagieren, — kurz daß der Staat den »kranken« Wirtschaftssektor weiter vergrößert und damit neue Arbeitslosigkeit schafft, während er sich bemüht, die alte zu heilen. — Theoretisch ist dieses Finanzierungsproblem nicht zu lösen; es hängt von den sozialen und Einkommensschichtungen, von der Unternehmerpsychologie und vielen anderen Momenten in jedem einzelnen Lande ab, ob die Aufbringung der Steuermittel für öffentliche Arbeiten usw. tatsächlich so destruktiv wirkt. Jedenfalls ist nur vom Gesichtspunkt der Finanzierung aus die Bezeichnung einer auf Arbeitslosenunterstützung und Arbeitsbeschaffung gerichteten Wirtschaftspolitik als »Deproduktivierung« zu rechtfertigen. IL Deproduktivierung der Berufsgliederung* Horowitz stellt an Hand eines interessanten statistischen Vergleichs einer Reihe von Ländern fest, daß die Berufschichtung der wirtschaftlich unentwickelten und entwickelten Länder einen typischen Unterschied aufweist. Je höher der Entwicklungsgrad, desto größer ist nämlich der Anteil der von Horowitz sekundär, parasitär, »unproduktiv« genannten Berufe, wie Handel, freie Berufe, Beamte, Heer usw. Er sieht den Kausal-Zusammenhang etwa folgendermaßen: Da der 1 Dieser von uns bisher noch allein vertretene Gedankengang wäre übrigens geeignet, das Fundament einer wirtschaftstheoretischen Begründung des Sozialismus zu liefern. Denn er vermag frei von außerwirtschaftlichen — ethischen und ästhetischen — Erwägungen die höhere Produktivität einer grundsätzlich gleichen Einkommensverteilung zu beweisen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.