Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1935)
- Article
- Die Wirtschaftslage in Palästina seit 1933
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 365 (sequence 1)
- Language
- German
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Rundschau 365 WIRTSCHAFT. Die Wirtschaftslage in Palästina seit 1933» Von Dr. Alfred Bonne, Jerusalem. A. In einem Bericht, der sich gewöhnlich mit der Aufzählung trockener Tatsachen und Ziffern begnügt, mag es angesichts der neuesten exzeptionellen sozialökonomischen Entwicklung in Palästina angebracht sein, einige generelle Bemerkungen vorauszuschicken. Die Entwicklung der letzten zwei Jahre ist von niemandem vorausgesehen worden: weder von denjenigen, die an sich mit optimalen Zahlen rechneten und stets forderten, die Politik des jüdischen Nationalheimes so positiv als möglich zu interpretieren und so expansiv als möglich zu gestalten, noch von denen, die kraft Mandates berufen waren, die Geschicke Palästinas zu leiten. Sie hat auch nicht vorhergesehen werden können. Ihre Ursachen lagen in außerwirtschaftlichen einmaligen politischen Ereignissen, die sich mit größter Geschwindigkeit abwickelten und ihr Tempo auch auf die wirtschaftliche Entwicklung in Palästina übertrugen. Seit zwei Jahren wird die Lage in Palästina durch die unvermindert stark einströmende jüdische Immigration und die durch sie ausgelöste wirtschaftliche Aktivität gekennzeichnet. Ihre Auswirkungen machen sich nicht nur in der städtischen Wirtschaft, die am stärksten von den Einwanderern befruchtet wird, sondern mindestens ebenso auch in der Staatswirtschaft (öffentliche Finanzen), in der Landwirtschaft, in der Baubewegung in Stadt und Land, kurz in einer wirtschaftlichen Expansion geltend, die nicht nur dem orientalischen Lebenstempo fremd ist, sondern auch in ihrem Tempo und in ihrem Ausmaß für Gebiete ähnlicher Ausdehnung auch im Westen nicht bekannt ist. Besonders bemerkenswert ist, daß nicht allein der jüdische Sektor, sondern auch die arabische Wirtschaft in diese Entwicklung mit hineingezogen wurde. Die jahrelang von arabischer Seite vertretene These, daß die jüdische Einwanderung eine Verelendung und Verarmung des Landes bewirke, ist in den letzten Jahren eindrucksvoll widerlegt worden. Wenn auch der arabische Wirtschaftssektor dem Aufschwung des Landes langsamer folgt, wenn insbesondere die auf Getreidebau beruhende Landwirtschaft abseits der Stadt und im Gebirge noch unter den alten Agrarnöten leidet, so ist im ganzen doch eine sehr erhebliche Steigerung der Produktivität und des Lebensstandardes dieses Bevölkerungsteils festzustellen. Trotz der vorhandenen politischen Gegensätze werden die Anregungen und Wirtschaftsformen, die die Einwanderer ins Land bringen, von der einheimischen Bevölkerung aufgenommen und in den durch Kapitalvorrat und technisches Können gegebenen Grenzen verwertet. Es wäre zweifellos nicht richtig, das, was heute auf wirtschaftlichem Gebiet in Palästina vor sich geht, unter dem Bild einer Hochkonjunktur zu erfassen, wie es noch häufig geschieht. Gewiß kann man alle üblichen Indizes des enormen Wirtschaftsauftriebes feststellen: Verdoppelung des Importes, im Laufe weniger Jahre, erhebliche Steigerung des Exportes, anhaltende stärkste Bautätigkeit, dauerndes Anschwellen aller Verkehrsziffern, eine sensationelle Entwicklung der Staatseinnahmen usw. Diejenigen, die das übliche Konjunkturschema, bei dem dem Auftrieb ein entsprechender Abstieg folgen muß, auch für Palästina schematisch anwenden wollen, müssen indes die Unzulänglichkeit dieser Auffassung zugeben. Es handelt sich bei dem nunmehr seit drei Jahren anhaltendem Aufschwung nicht mehr um eine konjunkturelle Erscheinung. Was vor sich geht, ist vielmehr eine Veränderung der eigentlichen Wirtschaftsstruktur des-Landes in ihren Wurzeln auf Grund der Einwanderung und des Kapitalimports.