Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 16 (1933)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1933)
- Article
- Die nationale Kolonisation in Palästina
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 173 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die nationale Kolonisation in Palästina. 173 Von Adolf Böhm, Wien. Das stürmische Tempo in der Entwicklung des Orangenbaues und die allgemeine Geistesverfassung in der jüdischen (wie in der nichtjüdischen) Welt, die heute in der Privatwirtschaft die allein seligmachende Wirtschaftsform sieht, haben es mit sich gebracht, daß über die in Palästina geleistete Kolonisation durch die nationalen jüdischen Fonds geringschätzig geurteilt wird. In dem nachfolgenden Artikel von L. Bawly, derzeitigen Leiter des Kolonisationsamtes der Jewish Agency, werden die großen Leistungen des Keren Hajessod auf dem Gebiete der Landwirtschaft dargetan. Hier sollen einiges, das darin gesagte ergänzende und erweiternde Bemerkungen gemacht werdend Das zentrale Problem des Zionismus in Bezug auf die Volksrenaissance in Palästina war die Schaffung des jüdischen Bauern. Die seit 1882 im Lande inaugurierte Kolonisation der Chowewe Zion, Baron Rothschilds, und später der J. C. A., hatte dieses Problem nicht gelöst. Sie hatte in der Hauptsache in der Pflanzungszone jüdische Besitzer mit arabischen Arbeitern geschaffen und dasselbe auch in den Getreidebaukolonien von Galiläa. Weder gab es jüdische Bauern noch jüdische Arbeiter in nennenswerter Anzahl. Die ländlichen Hauptprodukte, Milch, Eier, Butter, Gemüse, Fleisch usw. mußten die jüdischen Kolonisten von den Fellachen beziehen. Eine Wendung zum Besseren brachte erst die 1908 begonnene Arbeit der zionistischen Organisation mit sich, die auf Nationalfondsboden jüdische Arbeiter in allen Zweigen der Landwirtschaft ausbildete. Wie skeptisch damals auch selbst wohlwollendste Beobachter der Lage die Aussichten auf Schaffung eines jüdischen Bauernstandes beurteilen, zeigt der berühmte Aufsatz Achad Haam's „Sach Hakol" (Die Bilanz, auszugsweise deutsch wiedergegeben in „Palästina", 1912, Heft 7/8), den er nach einer 1912 unternommenen Reise in das Lanjd veröffentlicht hatte. Darin sagte Achad Haam, daß es nicht möglich sein wird, jüdische Bauern in großer Zahl in Palästina zu schaffen, was eine dreißigjährige Erfahrung beweise. „Möglich ist es", so schließt er die ausführlichen Erörterungen über dieses Thema, „in den Kolonien bodenständige Meuchen eiwes höheren Typusf zu schaffen, deren Arbeit größtenteils durch andere verrichtet wird, möglich auch vielleicht eine kleine Arbeiterklasse für die feineren Arbeiten zu schaffen, die leichter sind und besser entlohnt werden, unmöglich aber eine bäuerliche Masse zu schaffen...., die jene rohe und schwere Arbeit bezwingen könnte, welche viel nimmt und wenig gibt und auf der allein sich eine Bauernmasse von Tausenden und Zehntausenden gründen kann". Das Unmögliche, hier ward's Ereignis! Unter „Bauer" ist hier ja nicht der soziale Typ verstanden, sondern der betriebswirtschaftliche — der Landwirt, der die Produkte bäuerlicher Wirtschaft erzeugt. Die nationale Kolonisation hat die „dreißigjährige Erfahrung" Lügen gestraft und in wenigen Jahren 1.700 Familien mit zirka 8.200 Seelen als Landwirte kolonisiert. Die Produkte der Wirtschaften, die sie auf den Markt bringen, haben heute schon einen Wert von fast 200.000 Pfund. Eine solche Summe würde von den Juden an die arabische Wirtschaft fließen, wenn diese Kolonien nicht arbeiteten. Das ist ein ungeheuerer Fortschritt für die jüdische Gesamtwirtschaft in Palästina. Natürlich ist das nur ein Anfang. Die Beträge, die von den jüdischen Konsumenten an die arabische Landwirtschaft fließen, sind noch immer ein Viel-