Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 14 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Jewish Agency. VOn Dr. Robert Weltsch, Berlin.
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 2)
- Language
- German
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der politischen Stabilitätsverhältnisse ist es vielleicht zu erklären, daß die anderthalb Jahre, die seit August 1929 vergangen sijnd, eine schmerzliche Reihe* von Enttäuschungen und Rückschlägen für das zionistische Bewußtsein brachten. Auch war seitens der Jewish Agency auf politischem Gebiet viel versäumt worden, was ja erklärlich ist, wenn man das Do^gma berücksichtigt, das in den zionistischen Reihen galt: Das Mandat gebe den Juden eindeutige Rechte und damit sei der endgültige politische Rechtszustand in Palästina herbeigeführt. Daß die Tragweite der das jüdische Natiohalheim betreffenden Mandatsstellen in vielen Kreisen sehr übertrieben würde, daß noch im August 1930 sogar diel Mehrheit des zionistischen Aktionskomitees das Mandat alsrein Versprechen zur Errichtung des Judenstaates auffaßte, obwojhl seit zehn Jahren in allen offiziellen Dokumenten etwas ganz anderes gesagt wird, erschwert zweifellos noch die psychologische Situation, die die Voraussetzung für eine aktive, den Wirklichkeiten nahekommende zionistische Politik bilden würde. In den letzten Monaten hat sich freilich, wenn auch sehr langsam, ein gewisser Prozeß der Klärung zu vollziehen begonnen. Viele ZioKisten sehen heute vielleicht ein, daß es schon im Herbst 1929 klüger gewesen wäre, zu konkretem Vereinbarungen über die politischen und wirtschaftlichen Hauptfragen Palästinas zu streben, statt einen großen Kampf um Prinzipien zu entfachen, die lediglich einen Prestigewert haben konnten. Aber die Erregung über die den Juden angetane} Unbill war zu groß, und nationale Leidenschaft ist bekanntlich ein schlechter Berater. Wie anders man 'heute im jüdischen Lager sogar über den umstrittenen Punkt der Verhandlungsbereitschaft gegenüber den Arabern denkt, zeigt sich auch darin, daß man Wert darauf legt, der englischen Oeffentlichkeit darzulegen, daß die Juden eigentlich schon 1929 zu Verhandlungen mit den Arabern bereit gewesen seien, ein Argument, das tatsächlich in der englischen Oeffentlichkeit den stärksten Eindruck gemacht hat. Die Erwartungen, die man von jüdischer Seite in die verschiedenen Untersuchungskommissionen setzte, von denen man annahm, sie würden den Jud'en Genugtuung verschaffen, haben sich jedenfalls nicht erfüllt. Und das letzte in der Reihe der unbefriedigenden offiziellen Dokumente, das britische Weißbuch vom 20. Oktober 1930 hat zu einer entscheidenden Wendung im Verhalten der Jewish Agency und der jüdischen Oeffentlichkeit gegenüber England geführt. Das Weißbuch, dessen Inhalt hier als bekannt vorausgesetzt wird, hat noch mehr durch seinen Ton als durch seine Politik verstimmt- Es war das letzte Geschoß in dem offenen Kampf, der seit August 1929 zwischen der Kolonialverwaltung und den Juden entbrannt war. Seit der großen Anklagerede von Sir Boyd Merriman vor der Shaw-Kommission, deren politische Klugheit schon damals von manchen Zionisten angezweifelt wurde, bestand Kriegszustand zwischen der gesamten britisch-palästinensischen Beamtenschaft und den Juden. Die politischen Dokumente, soweit sie von dieser Beamtenschaft verfaßt sind, atmen den Geist feindseliger Abwehr gegenüber den Juden. IJnd bei dem letzten Weißbuch geht es soweit, daß kleinliche Einzelheiten, die gewiß nicht in ein prinzipielles Regierungsdokument gehören, hereingebracht werden, nur um den Juden einen Stich versetzen zu können. Man wird wohl nicht fehlgehen, in der Annahme, daß dieses Weißbuch von hohen britisch-palästinensischen Beamten sehr stark beeinflußt ist. Und die Einheitsfront dieser Beamtenschaft — einschließlich übrigens der anderen in Palästina lebenden Engländer und meisten Europäer — gegen die Juden ist eine politische Macht, mit der man auch dagm rechnen