Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 13 (1930)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1930)
- Article
- Politik. Von Gerade Arlosoroff-Goldberg, Tel-Aviv.
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 391 (sequence 2)
- Language
- German
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schicksalsschwere Frage nicht mit einem Ja zu beantworten wagen. Sehen wir genauer zu, wohin die politischen Tendenzen im Lande gehen und inwieweit der Boden für die vielbesprochene Verständigung vorbereitet ist, ohne die eine» gedeihliche Entwicklung heute weniger möglich erscheint, als je. Bei den Juden hat sich im Gründe in der geistigen und politischen Haltung während der letzten MonJate recht wenig verändert. Diese Zeit war charakterisiert durch eine Flaute des öffentlichen Lebens; die Diskussion, die nach dem Shaw-Bericht so leidenschaftlich geführt wurde, stockte und eine weitere Meinungsbildung fand nicht statt. Es ist charakteristisch, daß die zukünftige Palästinapolitik in ihren großen Umrissen in der Oeffentlichkeit nur wenig berührt wurde. Die Zeit des Abwartens ging vorüber, ohne daß man die schwebenden Fragen auf Grund immer neuen Materials und freier Aussprache nochmals und nochmals untersucht hätte. Es gab ein paar Kommentare zur Weizmannschen Erklärung über den „binationalen" Staat in Berlin, aber die waren nur matt. Man fand das Aufwerfen solcher Fragen durch „die höchste Stelle" eigentlich etwas unnötig. Die revisionistischen Anschauungen, die der „Doar Hajom" nach wie vor täglich vortrug, wurden schließlich vom breiten Publikum, das auch durch die andere Presse in seiner oppositionellen Haltung gegen die Regierung bestärkt wurde, mit einem gewissen Gleichmut hingenommen und die Aeußerungen des Brith Sclialom sind seltener geworden. Wesentliche Fortschritte hat diese Gruppe nicht machen können, die Ablehnung seiner Ansichten nahm ihren Fortgang. Es sei hier ein Moment als charakteristisch für die Lage angeführt. Man wußte seit langem im Lande — und die Regierungserklärung hat die Gerüchte bestätigt — daß die Einsetzung eines Legislative Council als erster Schritt auf dem Wege zum parlamentarischen Regime von der Regierung geplant war. Jedoch ist es zu einer Diskussion über die Vorteile und Nachteile der neuen Verwaltungsreform für das Land überhaupt nicht gekommen. Die jüdische Presse hat die Frage nicht behandelt, vermutlich unter der Voraussetzung, daß solche Institutionen für die Entwicklung des National Home verderblich seien. Selbst wenn man sich jedoch auf den Boden einer solchen Anschauung stellt, ist es nicht einzusehen, warum dieJses Problem nicht gründlich erwogen werden sollte. Es gibt Gruppen untetr den Juden — wenn sie auch klein an Zahl sind — die der Einführung konstitutioneller Körperschaften zustimmen, wenn bestimmte Kautelen festgehalten wären. Und es wäre sicher besser gewesen, auch einmal die Vorzüge einer Konstitution vom jüdischen und vom palästinensischen Standpunkt vor dem breiten Publikum zu entwickeln. Es hätte eine Behandlung der Gesamtfrage, die jetzt durch die Regierung erzwungen wird, erleichtert. Es hätte auch zur Ausbildung von Amendements und Gegenvorschlägen, die aus einer breiten Diskussion fließen, führen können, was meist fruchtbarar ist als eine rein negative Stellungnahme. Heute läßt freilich der ungeheure Sturm über das neue Weißbuch die Frage der Konstitution nur als ein Detail erscheinen, da ,der Jishuw um die Möglichkeiten seiner gesamten weiteren Arbeit besorgt ist. Trotz der Parteiunterschiede im Jishuw, die nach wie vor bestehen, ließ sich in den letzten Monaten in dem großen Mittelblock, zwischen den zwei Flügelgruppen, den Revisionisten und den Brith Schalom, eine ziemlich ausgesprochene Uebereinstimmung der außenpolitischen Stellungnahme erkennen. Diese relative Einigkeit zeigt sich sowohl in der Stellungnahme zur Re-