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Palästina · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 52

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Journal
Palästina
Volume
13 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Schulhygiene und Heilpädagogik in Jerusalem
Date
1930-01-01
Page
Seite 52 (sequence 2)
Language
German
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Schularztwesen. Die Schulen Jerusalems (Schulen der Exekutive, des alten Jischuw, Allianz- und Privatschulen) unterstehen sämtlich (bis auf wenige, ganz kleine) der schulhygienischen Aufsicht der Hadassah. Einen breiten Raum nimmt die Trachombehandlung ein. Die Untersuchungen werden in bestimmten Zeitabschnitten in der Schule selbst vorgenommen. Die Zahl der an Trachom erkrankten Kinder ist seit der schulhygienischen Tätigkeit der Hadassah von 25% auf 11% zurückgegangen. Ringwurm, früher bei 40% auftretend, ist vollständig verschwunden. Die sogenannte Schulschwester, eine Verbindung von Lehrerin und Pflegerin, unterrichtet an den Schulen praktische Hygiene (Kleidung, Nahrung, Wasserversorgung, Kampf gegen Ungeziefer). Die Kinder selbst werden mit der Kontrolle der Nahrungshygiene beschäftigt und dadurch am raschesten und zweckmäßigsten zum Verständnis der Reinlichkeit und zum Gefühl der gesundheitlichen Selbstverantwortung erzogen. Die oberen Klassen werden in „Gesundheitskwuzoth" organisiert. Sie beaufsichtigen das Schulgebäude, besuchen in Begleitung der Schwester Bäckereien, Molkereien, Fürsorgestationen und machen zu Hause und überall, wo sie hinkommen, Propaganda für die Hygiene. Die neueste und interessanteste Einrichtung der Hadassah aber ist die individualpsychologische Erziehungsberatungsstelle, welche im November 1928 vom Schularzt Dr. Brach] ahn begründet wurde und seit damals von der Heilpädagogin Else Werf el geleitet wird. Diese Erziehungsberatungsstelle erfüllt eine Aufgabe von einschneidender Bedeutung. Sie führt den Kampf gegen einen geheimen und mächtigen Feind des zionistischen Aufbauwerkes: gegen die jüdische Nervosität. Nach der Lehre Alfred Adlers stammen alle Neurosen des erwachsenen Menschen, stammen Lebensangst, Arbeitsangst, Unverträglichkeit, gesellschaftsfeindliche und destruktive Tendenzen aus den Erlebnissen der Kindheit, welche den Charakter des Menschen formen, ihm Ziel und Richtung geben. Aus dem Minderwertigkeitsgefühl der ersten Jahre entsteht bei unrichtiger autoritärer oder verzärtelnder Erziehung ein überreiztes, antisoziales Uberlegenheitsstreben. Es zeigt sich bereits beim Kinde in aggressiver Form als Trotz und Unverträglichkeit, oder in fluchtartiger Form als menschenscheu, stottern, Auftreten von Angstzuständen. Die Erziehungsberatungsstelle leistet prophylaktische Arbeit. Ihr Ziel ist es. die Kinder durch ermutigende Aussprachen und durch geignete Beeinflussung der Eltern und Lehrer von ihren Neurosen zu befreien, zu verhindern, daß nervöse, lebensunfähige und gesellschaftsschädliche Menschen heranwachsen. Jedes Kind, welches in Behandlung tritt, erhält zuerst ein Gutachten des Psychiaters, ob keine medizinisch festzustellende Erkrankung vorliegt. Ist dies nicht der Fall, so beginnt die heilpädagogische Behandlung. Das Kind kommt zu regelmäßigen Aussprachen in die Beratungsstelle. Die Heilpädagogin macht Hausbesuche, hält Rücksprachen mit der Kindergärtnerin oder den Lehrern ab. Die Besuche werden registriert, ein heilpädagogisches Tagebuch berichtet über die Entwicklung eines jeden Falles. Einige Fälle aus diesem Tagebuch seien hier kurz skizziert: Ein neunjähriges Mädchen, Sephardin, wird wegen Kleptomanie aus der Schule gejagt. Sie ist sehr verwahrlost, ungepflegt, unbeholfen und leidet in ihrer typisch sephardischen Eitelkeit furchtbar darunter. Sie wird geheilt und wieder in die Schule aufgenommen. Als aber die Klassenlehrerin sie einen „Golem" nennt, tritt augenblicklich ein Rückfall ein. Ein fünfjähriger Knabe, Aschkenase, wird binnen acht Tagen vom Stottern ge-

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