Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 12 (1929)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1929)
- Article
- Politik. Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem.
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 29 (sequence 2)
- Language
- German
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sie als Schutz gegen unbequeme Fragen ins Gedächtnis zu rufen sucht. Trotzdem wird immer wieder von beiden Seiten die Gesamtsituation Palästinas aufgerollt, die ja in ihrer heutigen Form ohne Mandat und Balfour-Deklaration gar nicht denkbar iht. Politisch bedeutet dies, daß die Arbeit der Untersuchungskommission einen viel größeren Wert für die endgültige Gestaltung des Landes bekommen wird, als man anfangs anzunehmen brauchte. Es bedeutet ferner, daß die Juden, die ursprünglich ganz sichtlich in der politischen Offensive waren, nämlich soweit wirklich nur von den unmittelbaren Anlässen der Vorfälle die Rede war, nun auch nicht selten in die Rolle der Verteidiger gedrängt werden, da die arabischen Zeugen, Anwälte und Sachverständigen — auch diese letzten werden in den hebräischen Zeitungsberichten mit dem oben erwähnten Anführungszeichen bedacht — den Versuch machen, eine historische Versündigung der zionistischen Kolonisation am Schicksal des Landes und seiner arabischen Mehrheit herauszustellen, die wiederum die Untaten der letzten Monate verständlich, wenn auch nicht immer verzeihlich, erscheinen lasse. So betrachtet, stellen sich die Verhandlungen vor der Untersuchungskommission als eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln dar: Juden und Araber stehen einander als völlig geschiedene, eindeutig abgegrenzte Lager gegenüber, und es ist noch niemals vorgekommen, daß ein jüdischer Zeuge irgendein der arabischen Sache günstiges Detail oder gar umgekehrt: ein Araber etwas Zionistenfreundliches ausgesagt hätte. Dies zeigt die ungeheure Schwierigkeit, die der Kommission aufgebürdet ist: historische Wahrheitsfindung auf juristisch-politischem "Wege, wobei die „Quellen" brennend interessierte, mitten in der Sache stehende, kämpfende Menschen sind. Daß die Araber bei ihren Darlegungen weit unbedenklicher mit der Wahrheit umgehen, darf man dabei ruhig feststellen, ohne unobjektiv zu werden. In ihren Aussagen erscheinen nur die ausgesiedelten Fellachen, die zurückgegangenen Ernteergebnisse, ja sogar die „schlechten Sitten" der Chaluzim, ganz, als ob die zionistische Siedlung überwiegend wirtschaftlichen Schaden gebracht hätte, was natürlich mit den Tatsachen in keiner Weise übereinstimmt und auch von den jüdischen Anwälten wirkungsvoll widerlegt werden konnte. Hingegen ist die moralische Entrüstung, mit der die hebräische Presse auf solche Übertreibungen und sogar Fälschungen reagiert, wenig zweckvoll — moralische Kategorien sollten im politischen Kampfe immer nur gegen das eigene Volk gekehrt werden — da es vielmehr gilt, eben diese arabische Argumentation als politisches Faktum zu verstehen und in Rechnung zu stellen. Dann bedeutet sie, daß die heute führenden arabischen Kreise die politische Situation, in welche die Balfour-Deklaration die Araber Palästinas gebracht hat, weit höher einzuschätzen gewillt sind als den wirtschaftlichen, kulturellen und hygienischen Nutzen der jüdischen Kolonisation. In einem wesentlichen politischen Punkte hat allerdings die Tatsache der Untersuchungskommission selbst den Arabern bereits einen mächtigen Schritt auf dem Wege ihrer politischen Gleichberechtigung weitergeholfen. Wenn die Balfour-Deklaration davon spricht, daß die Rechte der arabischen Bevölkerung durch den Aufbau des jüdischen Nationalheimes nicht beeinträchtigt werden sollen, so meint sie damit zunächst nur die individuellen Rechte der einzelnen Araber, nicht die Kollektivrechte der politischen Vertretung des arabischen Volkes in Palästina. Sir Herbert Samuels Weißbuch, das von uns durch die Unterschrift der Zionistischen Exekutive als der autoritative Kommentar der Balfour-Deklaration anerkannt worden ist, geht zwar theoretisch durch die Feststellung, daß Palästina die Heimat zweier Nationen werden müsse, einen Schritt weiter, hatte aber noch keine praktischen Folgen, da die Araber die ihnen angebotene „Arab Agency" seinerzeit ablehnten. Nun hat aber