Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 12 (1929)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1929)
- Article
- Bericht aus Palästina
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 62 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau Politik. Bericht aus Palästina, Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Die dauernd problematischen Beziehungen zwischen der Palästinaregierung und den Organen des Jischuw haben im Berichtsmonat wieder einige symptomatische Ergebnisse gezeigt. Das erste ist das von der Regierung in Anspruch genommene Recht, den künftigen Bürgermeister Tel-Avivs zu bestimmen, eventuell sogar nicht einmal aus der Zahl der gewählten Stadtverordneten. Nach der zwangsweisen Änderung des Wahlgesetzes ist dies der zweite energische Eingriff in die autonome Selbstverwaltung der „einzigen jüdischen Stadt der Welt", der natürlich allgemein recht bitter empfunden und von heftigen Protestkommentaren begleitet wird. Auch wir sind der Meinung, daß die Regierung behutsamer mit den Rechten Tel-Avivs umgehen sollte, können aber die Schuld nicht allein bei ihr suchen, sondern fühlen uns verpflichtet, bei unserer politischen Bilanz auch das jüdische „Soll64 in Rechnung zu stellen. Dieses wird nicht gerade vermindert durch die neuerlichen Vorgänge auf dem jüdischen Rathaus; hundert Arbeitslose, die allerdings schon seit Monaten auf eine Regelung und Besserung ihrer immer trostloser werdenden Lage vergeblich warten, versammelten sich in dessen Korridoren, versuchten den Bürgermeister, Herrn Dizengoff, zu sprechen, und drangen* als dieser die Unterredung bis zum Eintreffen des gerade abwesenden Sachbearbeiters aufzuschieben suchte, mit Gewalt in sein Zimmer ein, suchten ihm den Rückzug in einen anderen Raum zu verlegen und konnten schließlich nur mit polizeilicher Hilfe entfernt werden. Mit der hier landesüblichen Schnelligkeit hat sich schon nach ganz wenigen Tagen das Gericht mit der Sache beschäftigt und vier der am meisten Belasteten zu je sieben Tagen Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt. Daß solche Verhandlungen und die sie begleitende Pressekampagne, in der sich beide Seiten alle Schuld zuzuschieben suchen, gerade kein Argument für die baldige Wiederherstellung der vollen Autonomie Tel-Avivs sind, dürfte klar sein. Eine kürzere, wenn auch heftige Beunruhigung der Beziehungen brachte die Frage, wer das Geld für die Ausbesserung des Rachel-Grabes, auf dem Wege von Jerusalem nach Betlehem, auslegen — dürfe: die Juden, die den Schlüssel zu diesem Heiligtum unbestritten in Händen haben, die Araber, die der angeblich dort begrabenen Stammutter Israels auch ihrerseits religiöse Verehrung entgegenbringen, oder die Regierung selbst. Diese, das heißt der in diesem Falle zuständige, aus der Klagemaueraffäre unliebsam bekannte Jerusalemer Gouverneur Keith-Roach, stellte sich auf diesen letzten Standpunkt, den vor Jahren auch Sir Herbert Samuel eingenommen hatte. Darauf einige Tage Sturm im hebräischen Blätterwalde, dann wieder vollkommene Stille. Man fragt sich wirklich, ob diese Art der sporadischen Oppositionswellen, die dann gleich ohne jedes Maß toben, aber bald wirkungslos verebben, richtig ist und ob man den „Heiligtümern" und der Religion wirklich dient, wenn man sie immer wieder als die politische Lage verschlechternd und den Frieden mit den Arabern gefährdend erscheinen läßt. Handelte es sich in diesem Falle darum, wer zahlen darf, so bei den weitaus typischeren Konfliktstoffen darum, wer zahlen muß, wenn gewisse Einnahmen zufließen