Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 12 (1929)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Article
- Geistiges Leben. Von Dr. Hugo Bergmann, Jerusalem.
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2379786-2379874-2379876-2388209--08297-2388433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
departement der zionistischen Organisation Vertreter zweier Schultypen: „Allgemeine" und „Misrachi-Schulen". Diese Typen haben ihre Lehrer, ihre Inspektionsorgane, ihr Budget, jeder für sich. Das Paradoxe ist nun aher, daß die Misrachi- Schulen nicht nur Schulen eines verschiedenen Typs sind mit einem Lehrprogramm, das den religiösen Forderungen des Misrachi entspricht (wogegen selbstverständlich niemand etwas einzuwenden hätte, ja die jeder Pädagoge fordern müßte, auch wenn sie der Misrachi nicht forderte), sondern, daß die Misrachi-Schulen organisatorisch mit dem Misrachi als Parteifraktion verbunden sind. Noch absurder ist der Zustand in den Schulen der Arbeiterorganisation, die ebenfalls vom Keren Hajessod ein Budget erhalten, mit dem Erziehungsdepartement der Zionistischen Organisation nur in einem sehr losen Zusammenhang stehen, deren Inspektionsorgane nicht vom Erziehungsdepartement der Exekutive, sondern vom Kultur-Ausschuß der Arbeiterschaft entsendet werden und auf deren Führung die Exekutive praktisch keinen Einfluß hat. Die Entscheidung darüber, welchen Schultypus ein Ort erhält, liegt in den Händen der Eltern. Auf Wunsch der Eltern veranlaßt die Exekutive eine Abstimmung unter den Eltern der derzeit schulbesuchenden Kinder (nicht den Ortsbewohnern — auch dies ist eine Absurdität für sich; es kann jemand noch so sehr an pädagogischen Fragen interessiert sein, so hat er doch keinen Einfluß auf die Schulgestaltung, wenn er zufällig zurzeit keine schulpflichtigen Kinder hat) und je nach dem Ausfall der Abstimmung wird der Schultypus bestimmt. Es ist das gute Recht des Misrachi, unter der Bevölkerung dafür Propaganda zu machen, daß religiöse Schulen gefordert werden. Allein der Schulstreit in Sichron Jakob hat die merkwürdige Tatsache gezeigt, daß die Forderung nach Misrachi-Schulen aus Gründen erhoben wird, die mit Religion nicht das geringste zu tun haben. Die Ortsbehörden hoffen — ob mit Recht oder Unrecht — daß der Misrachi ihnen geringere finanzielle Lasten auferlegen wird als die Zionistische Exekutive. Dazu vereinigten sich in dem Kampfe gegen die „allgemeine" Schule mit den religiös gesinnten Ortsbewohnern auch solche, welche am Kampf für die Misrachi-Schule die Zionistische Exekutive zu schlagen hofften, die in ihren Augen Repräsentantin jenes „neuen Geistes" ist, welcher Beschäftigung jüdischer Arbeiter in den Kolonien verlangt, Vertretung der Arbeiterschaft im Ortsausschuß usw., alles Dinge, welche gewissen Kreisen unangenehm sind. Selbstverständlich ist die Hoffnung, daß der Misrachi weniger demokratisch und weniger national sein wird, unsinnig. Aber genug, daß sich in den Kreisen des Jischuw weithin das Gefühl verbreiten konnte, daß die Fraktionen nicht Teile der Organisation, sondern Konkurrenten sind, und daß wir das Schauspiel erleben konnten, daß im Namen einer zionistischen Fraktion die von der Zionistischen Exekutive gesetzmäßig eingerichtete Schule boykottiert wird. Es muß aber auch erwähnt werden, daß der Streit offenbarte, wie sehr die allgemeine zionistische Schule in ihrem Ansehen gefährdet wird durch Lehrer, welche grobe taktische und pädagogische Fehler in ihrem Verhalten zur Tradition zeigen. Ein Schulleiter in einem kleinen Orte, welcher während des ganzen Jahres nicht in der Synagoge erscheint, begeht zweifellos auch pädagogisch einen sehr schweren Fehler. Anderseits kann natürlich die Zionistische Exekutive keinen Gewissenszwang ausüben. Das Natürliche wäre, daß in solche Orte Lehrer geschickt werden, welche religiös eingestellt sind. Allein die Zionistische Exekutive hat nicht genug solche Lehrer, da die religiös gesinnten Lehrer zum größten Teil in den Misrachi-Schulen arbeiten. All dies zeigt die große Unsinnigkeit des gegenwärtigen Systems: Wir haben nicht