Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 8-10 (August 1928)
- Article
- Das neue Stadium der Jewish-Agency-Frage
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 385 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2379786-2379867-2379872-2387003--07436-2387404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
385 Judentums fehlte und dementsprechend war auch die Mitwirkung der anderen ungenügend. Die Zionistische Organisation konnte zwar ein beschränktes Programm mit den von ihr aufgebrachten Mitteln durchführen, aber mit der Idee des jüdischen Nationalheimes, dem Ziele des Zionismus, war Tempo und Umfang dieser Adbeit nicht in Einklang zu bringen. Seit acht Jahren ist es allen Zionisten klar, daß nur eine erhebliche Vergrößerung der Mittel jenen stetigen Fortschritt bringen kann, der nötig ist, um der Palästina-Arbeit überhaupt einen Sinn zu geben. Diese Erkenntnis wurde noch verstärkt durch die Tatsache, daß die Zionistische Organisation in den wichtigsten Ländern ihre eigenen Reihen nicht schnell genug ergänzen konnte. Der Zionismus war stets vor allem eine Bewegung der Jugend und besonders in westlichen Ländern sind nur ausnahmsweise erwachsene Menschen der Partei beigetreten, weil der revolutionäre Entschluß einer völligen Umwendung des historischen Weltbildes im allgemeinen nicht Sache von bereits in konsolidierten materiellen Verhältnissen lebenden, im Wirtschaftskampfe stehenden Menschen ist. Und besonders in einem Lande, wie Amerika, das für den Palästina-Auf bau materiell am wichtigsten ist, zeigte es sich, daß die Kräfte der dortigen Zionistischen Organisation zu einem großzügigen Aufbauwerk nicht ausreichen. Dies führte den Präsidenten der Zionistischen Organisation, Dr. Weizmann, schon vor sechs Jahren dazu, in Amerika eine Kooperation mit nichtzionistischen Kreisen anzustreben, nachdem zuvor ähnliche Versuche in England (ohne erheblichen Erfolg) gemacht worden waren, Weizmann gab die Parole einer Erweiterung der Jewish Agency aus und die Nichtzionisten haben den Vorschlag prinzipiell angenommen. Die vorwiegend philanthropisch eingestellten Kreise erkannten, daß Palästina in Zukunft der zentrale Ort der Betätigung auch für die jüdische Philanthropie sein muß. Man hatte in Osteuropa ungeheure Summen ausgegeben, ohne einen bleibenden Erfolg zu sehen. Das Interesse wandte sich immer mehr Palästina zu, und diese Wendung wurde bestätigt durch die beiden unter dem Vorsitze von Marshall abgehaltenen parteilosen Palästina-Konferenzen in Amerika, die sich für die Teilnahme an der erweiterten Agency aussprachen. Seit damals, 1924, hat der Agency-Gedanke einen Leidensweg durchgemacht. Er stieß auf große Gegnerschaft im zionistischen Lager. Die Zionisten wollten die ihnen teuerste Sache* nicht Fremden ausliefern, am allerwenigsten Elementen, die kurz zuvor noch im feindlichen Lager standen. Der zionistische Anspruch, das ganze jüdische Volk in bezug auf Palästina zu repräsentieren, war wohl in ideeller Hinsicht berechtigt, entsprach aber auf Grund der innerjüdischen Entwicklung nicht mehr der Realität. Kein Zionist kann den Ernst und das Gewicht der Argumente verkennen, die gegen die Erweiterungspolitik geltend gemacht wurden; aber ebenso durfte kein Zionist sich der Einsicht verschließen, daß wir an einem Wendepunkt der innerjüdischen Entwicklung stehen und manche alte Gedanken revidiert werden müssen, wenn man aus dem Stadium der Propaganda in das der Verwirklichung übertritt. Der unbeugsame Wille Dr. Weizmanns, der, von einer „heiligen Unruhe" für die Verwirklichung des zionistischen Zieles getrieben, parteimäßige Einschränkungen zurückwies, hat dem Gedanken der Erweiterung auf den Zionistenkongressen zum Siege verholfen, freilich mit verschiedenen Verklausulierungen und gegen den heftigen Widerstand eines erheblichen Teiles der Bewegung. Der Agency-Gedanke hat seine eigene Geschichte. Beim Wiener Kongreß 1925 wurde, um die zur Majoritätsbildung notwendigen Stimmen der Arbeiterpartei Hitachduth zu gewinnen, eine Präambel festgesetzt, wonach in die Konstitution der Agency vier Punkte als Grundlage der Palästina-Arbeit eingefügt werden müßten, und zwar ständige Einwanderung, landwirtschaftliche Kolonisation auf nationalem Boden, jüdische Arbeit und hebräische Sprache. Inzwischen hatten freilich die amerikanischen Juden in dem Projekt der jüdischen Kolonisation in Rußland ein neues Feld der Betätigung gefunden und die Beziehungen zwischen ihnen und den Zionisten hatten sich verschlechtert. Aber im, Jänner 1927 gelang es Dr. Weizmann, eine neue Vereinbarung mit Mr. Marshall zu treffen, worin die Grundgedanken der Kooperation neuerlich bekräftigt