Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 335 (sequence 1)
- Language
- German
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335 Arbeit und Sitte in Palästina, Band I. Jahreslauf und Tageslauf. 1. Hälfte: Herbst und Winter. Von Prof. Gustav Dalman, Mit 37 Abbildungen. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh 1928. — Das Buch behandelt die physikalische Geographie, Landesbeschaffenheit, Flora und Fauna Palästinas und will aus der gegenwärtigen Folklore des arabischen Volkslebens Palästinas eine biblische Archäologie rekonstruieren. Der Verfasser hat mit großem Fleiße die altjüdischen Literaturquellen herangezogen, geht aber von dem an sich richtigen Standpunkt aus, daß im arabischen Volksleben Palästinas wertvolle Anhaltspunkte für altbiblische ^stände erhalten geblieben sind. Diese Ansicht lebendiger und aktueller Gegenwartsmethodik archäologischer Forschung hat aber gleichwohl neben vielen Vorzügen zu einer sehr bedauerlichen Inkonsequenz geführt. Zunächst sollen die Vorzüge der Darstellungsweise angeführt werden. Der Verfasser stellt in diesem ersten Bande den geographisch-statistischen Stoff mit den historischen und literarischen Quellen des Judentums zusammen, unter ausgiebiger Benützung der islamisch- und christlich-arabischen Volkssitte Palästinas. Die Verbindung ist in so anziehender Weise hergestellt worden, daß das Buch wissenschaftlich hervorragend und ungemein genußreich geworden ist. Diese lebensvolle archäologische Bühne, die als Szene zur Archäologie der Bibel werden sollte, ist unter einem zur machtvollen Darstellung der jüdischen Kultur Palästinas geworden. Der ganze Reiz Palästinas, die Anmut seiner Natur und seiner Bewohner mußte in dieser wissenschaftlichen Schilderung zu vollem Ausdrucke kommen. Aus den Bibelworten, aus den innigen Psalmhymnen und Prophetenreden, aus den weisen Sprüchen der Talmudisten, den Midraschbetrachtungen und rabbinischen Zeremonien, aus den lebensvollen jüdisch-arabischen Sprichwörtern atmet ein heiliges Land. Dalman bringt in den Randnoten die ganze reiche Quellenliteratur, insbesondere aus Bibel und Talmud, aus rabbinischer und moderner zionistischer allgemeiner Literatur. In dem ersten Bande werden nach einer allgemeinen Einleitung die geographische Eigenart, der botanische Bestand, Temperatur und Niederschlagsverhältnisse behandelt. Die Verhältnisse des palästinischen Herbstes und Winters werden in zwei Hauptteilen gegeben. Die wissenschaftlichen statistischen Daten der physikalischen Geographie Palästinas werden durch ungemein reichhaltiges Material umfassend dargestellt, wobei der literarische Grundzweck des Buches durch die gesamte Darstellung der literarischen Quellen nie außeracht gelassen wird. So wird der palästinensische Herbst und Winter dargestellt, Winterregen, Aufbewahrungssysteme des Wassers, Pflanzenleben, Herbst¬ und Winterwirtschaft geschildert und werden die Zusammenhänge aufgezeichnet. In der Natur der Anlage des Werkes liegt es, daß die reiche Zitierung des jüdischen Quellenmateriales mit dem folkloristischen arabischen Materiale ständig wechselt. Aber diese Darstellungsweise hat auch zu einer bedauerlichen Inkonsequenz geführt. Ben Zwis Forschungen „Schear Jischuw" scheinen dem Verfasser unbekannt geblieben zu sein, auch geht er an der Folklore des Galuthjudentums, das von palästinensischer Folklore durchtränkt ist, oft unnötigerweise vorüber, an Stellen, wo er die gegenwärtige jüdische Sitte mit demselben Rechte vollständig hätte geben müssen, wo es sich noch um palästinensische Sitte handelt, wie die arabisch-palästinensische. Ben Zwis Forschungen hätten Dalman darüber belehren müssen, daß es eine arabische Mentalität in Palästina ohne jüdische Grundlage schlechterdings nicht gibt. Die bis in das tiefe Mittelalter hinein andauernde jüdische Bauernsiedlung in Palästina wirkte in den islamischen und christlichen Marranen des mittelalterlichen Palästina so nachhaltig, daß eine Außerachtlassung dieses Umstandes zu ganz schiefen Ergebnissen führen würde. Die Tragik des Geschickes Palästinas zwingt den Wissenschaftler, die objektiven Werte besonders vorurteilsfrei zu suchen. Dabei ergibt sich, daß der einen palästinensischen Landschaft nur eine palästinensische Mentalität entsprungen ist. Als die Hellenen und Römer versuchten, diese Mentalität zu zerschlagen, da bäumte sich Palästina auf, und zwang Europa, an die Messianität der palästinensischen Sendung für die Menschheit zu glauben. Die Mentalität Palästinas ist eine totale, einmalige, die christlichen und islamischen Nachfahren der Juden sind in ihr eingeschlossen. Dalman unternimmt es, Gegenwart und Vergangenheit Palästinas wissenschaftlich zu schildern, schiebt dabei die arabische Volkssitte in den Vordergrund, verschanzt das Judentum hinter archäologische Schilderungen, als ob die jahrtausendalte palästinozentrische Sitte des Diaspora-Judentums nichts zu bedeuten hätte, die doch vom heutigen jüdischen Jischuw nach Palästina mit zurückgebracht wurde. Wir gehen sogar so weit, dem Verfasser einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die geradezu biblische Idealität der heutigen jüdischen Arbeitersiedlung in Palästina, die doch lebendige, biblische Tradition darstellt, nicht zu schildern unternimmt. Wir können ihm keine Sympathien suggerieren, aber wir möchten ihn als christlichen Europäer an gewisse Pflichten erinnern, die dem Wissenschaftler obliegen. Wir haben an dieser Art Behandlung palästinensischer Probleme keinen Anteil und der Verfasser begibt sich des Anteils an unserem Lande, wenn er das lebendige Judentum von heute verleugnet.