Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 333 (sequence 2)
- Language
- German
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333 zu werden. Gerade die Tatsache, daß die Juden Individualisten sind, wenn auch dieser Umstand scheinbar dagegen spricht, wird ihnen sogar dazu verhelfen, die Vorteile des Genossenschaftswesens zu erkennen. Denn das Genossenschaftswesen richtet sich nicht gegen die Persönlichkeit und nimmt niemandem das Recht, das Produkt eigener Arbeit zu genießen, sondern es bemüht sich im Gegenteil, diesen von jeglicher unverdienten Belastung durch das gegenwärtige Wirtschaftsregime zu befreien. Die Motive der genossenschaftlichen Organisation in Palästina sind, wie Gide erkennt, in besonderen Umständen und Verhältnissen des palästinensischen Lebens und der Kolonisation zu suchen. Diese Besonderheit kommt auch in den verschiedenartigen Formen der Genossenschaften zum Ausdruck, die sich dem Leben, der Eigenart der Siedler und den Bedürfnissen des Landes angepaßt haben. Es bilden sich Formen heraus, die der Entwicklung in anderen Ländern weit vorausgeeilt sind. So z. B. bedeutet die zentradistische Organisation der (Konsumgenossenschaft „Hamiaschibir" wie auch ihre direkte Verbindung mit den landwirtschaftlichen Produzenten, die gleichzeitig die Abnehmer der von Maschbir vertriebenen Industrieartikel bilden, einen Fortschritt und gleichzeitig eine praktische Lösung einer der Fragen, die auf dem letzten Genossenschaftskongreß zur Diskussion gelangten, jene der Zusammenarbeit zwischen landwirtschaftlichen und Konsumgenossenschaften, die zu einer der schwersten des Genossenschaftswesens gehört.*) Aber auch auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Produktion bildeten sich Formen des genossenschaftlichen Zusammenschlusses, deren Vorbild irgendwo in anderen Ländern schwer zu suchen ist, aus den nationalen und sozialen Bedürfnissen der Siedler. Wenn wir von den alten Rothschildschen Kolonien absehen, die auf dem rein individuellen Bauernprinzip aufgebaut sind (in die, nebstbei gesagt, das Genossenschaftswesen langsam eindringt), so könnte man die jüdischen Kolonien in zwei Kategorien teilen: 1. die Kwuzoth und 2. die Moschwei Owdim. Gide untersucht beide Formen. In ihnen ist der genossenschaftliche Zusammenschluß verschieden stark durchgeführt, mit Abstufungen, die von der individuellen Genossenschaft bis zur integralen, d. h. Gemeinschaft in Leben und Arbeiten, führen. Wie weit der Genossenschaftsgedanke in den Moschwei Owdim, d. h. in den Kleinbauern-Siedlungen geht, wird von Gide an Hand ihrer Prinzipien dargelegt: gemischte Wirtschaft auf kleiner Bodenfläche (100 Düna m) bei Eigenarbeit des Siedlers und seiner Familie, gegenseitige Hilfe bei Erkrankung des Siedlers, Wunsch individueller Verknüpfung mt dem Boden ohne Aufgabe der Vorteile des Genossenschaftsprinzips; gemeinsamer Einkauf und Warenlager. Hingegen ähneln die kleinen wie die großen "Kwuzoth räch Gide den Fourierschen Phalansteres,**) die da und dort, meistens in Amerika, ins Leben gerufen worden sind. So z. B. Gdud Awodah, d. i. Legion der Arbeit, eine idealistische Arbeiterkommune mit Erziehungstendenz. Ihr Ziel: Schaffung einer vorbildlichen Siedlung von ländlichen und städtischen Arbeitern, die alle Bedürfnisse in sich befriedigt (Autarkie). Straffe Disziplin, Ausgleichung aller Bedingungen und Gewinne, Gleichsetzung gelernter und ungelernter Arbeiter. Die kleinen Kwuzoth: freier genossenschaftlicher Zusammenschluß von landwirtschaftlichen Arbeitern zur Uebernahme der Bearbeitung und Bewirtschaftung von Landstücken in Kooperative unter eigener Leitung und auf eigene Verantwortung. Allen Mitgliedern ist die Befriedigung der Mindestbedürfnisse im gewissen Ausmaße gesichert. Gemeinsame Speisung, Gruppensystem mit Gruppenbewußtsein. Die schon eingangs erwähnte Konsumgenossenschaft »Hamaschbir«, die von Prof. Gide dank ihrer charakteristischen Merkmale besonders hervorgehoben wird, wurde 1916 durch die Arbeiterschaft gegründet; sie hatte die Aufgabe der Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit Getreide, das im Kriege schwer zu beschaffen war. Trotz den 5000 Mitgliedern, die sie kurz nach der Gründung zählte, kam sie in Geldschwierigkeiten, die hauptsächlich auf den rapiden Rückgang der Getreidepreise nach der *) Die Frage der Zuammenarbeit zwischen landwirtschaftlichen und Konsumgenossenschaften ist deswegen bedeutungsvoll, weil die Konsumgenossenschaften den Gedanken, auf eigenen Gütern die benötigten landwirtschaftlichen Produkte selbst herzustellen, infolge der vielen Mißerfolge aufgegeben haben. Schon dreimal wurde die Frage auf internationalen Kongressen eingehend erörtert; auf dem letzten Genossenschaftskongreß in Stockholm stand sie zum vierten Mal auf der Tagesordnung. Das Referat, das der Schweizer Jaeggi übernommen hatte, und die Diskussion zeigten deutlich, welche Schwierigkeiten, besonders in der Preisfestsetzung, der Verwirklichung dieser Zusammenarbeit entgegenstehen. Offen wurde zugegeben, daß bisher wenig erreicht wurde und eine Lösung dieses Problems auch in den nächsten Jahren nicht zu erwarten sei, das hier zu leistende Werk müsse vielmehr als eine Arbeit auf lange Sicht angesehen werden. **) Vergl, hiezu -die Schriften von Gh. Gide über .die Phalansteres und Liefmann. Die kommunistischen Siedlungen in Nordamerika.