Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1928)
- Article
- Arbeiterbewegung. Von Dr. Arieh Tartakower, Lodz.
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 291 (sequence 2)
- Language
- German
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291 einzelnen Kessorts, und zwar des Arbeitsamtes, des Amtes für städtische Arbeitersiedlungen, des obersten Kontrollamtes, des Einwanderungsamtes, sowie der Arbeiterkrankenkasse angeschlossen. In allen «diesen Berichten spiegelt sich naturgemäß die außerordentlich schwere Lage der Arbeiterschaft wider, doch muß es bei jedem ein Staunen erregen, wie trotzdem auf allen Gebieten weiter gearbeitet und wieviel Positives in dieser kurzen Zeitspanne geleistet worden ist. Die Session selbst stand ganz unter der Einwirkung der gebesserten Lage im Lande. Nur damit ist es zu erklären, daß die Frage von Arbeit und der Arbeitslosigkeit, die in den letzten zwei Jahren fast bei einer -jeden Tagung der Histadruth den Hauptteil der Erörterungen in Anspruch nahm, diesmal von einer umfassenden Debatte über das weitere Kolonisationswerk der Arbeiterschaft stark in den Hintergruna gerückt wurde. Man war sich allerdings ziemlich klar darüber, daß mit dem minimalen Kolonisationsbudget der Zionistischen Exekutive nicht viel anzufangen sei, obwohl die Erörterungen mancher Redner auch an dieses Budget anzuknüpfen suchten. Doch wußte man es, daß die kommenden Ereignisse (Verwirklichung der Jewish Agency, Kolonisationsanleihe der Zionistischen Exekutive) eine bedeutende Ausdehnung der Koilonisationsmöglichkeiten mit sich bringen können und daß die Arbeiterschaft auch in diesem Fall trotz manchem Widerstand von mehr oder weniger offiziellen Kreisen die entscheidende Rolle spielen würde. Der Gang der Verhandlungen in der Kolonisationsdebatte war aber in vielen Hinsichten durch eine neue Note gekennzeichnet. Der Konsolidierungsgedanke war auch in der Histadruth ganz zum Durchbruch gekommen. Die Stimmen, die zu einem ziemlich planlosen Draufstürmen aufforderten, aus dem von selbst das Harmonische des Kolonisationswerkes sich herauskristallisieren würde, blieben ganz vereinzelt und stießen auf der Session selbst auf einen entschiedenen Widerstand. Die Atmosphäre von genauen Berechnungen war zweifellos vorherrschend, zum ersten Male wurde auch der Gedanke der Beteiligung von Siedlern oder von der Organisation an den Siedlungskosten genau erörtert und fand auch einen ziemlich allgemeinen Zuspruch. Der Konsolidierungsgedanke trat auch bei dem Hauptstreitpunkt der Kolonisationsdebatte, der Frage der Wirtschaftsform bei der neuer- Kolonisation, ziemlich klar zu Tage. Es handelte sich darum, ob die Arbeiterschaft auch weiterhin der bisherigen Form der gemischten Wirtschaft, auf deren Basis auch die Besiedlung des Emek erfolgt war, treu bleiben oder aber in einem bestimmten Ausmaß dem stürmischen Drang zur Anlegung von Orangenpflanzungen nachgeben soll, der gegenwärtig die private Kolonisationstätigkeit im Lande charakterisiert und dessen Ursache in der ungewöhnlich hohen Rentabilität der Pflanzungen in den letzten Jahren zu suchen ist. Trotz der verzweifelten Gegenwehr der unbedingten Anhänger der bisherigen Wirtschaftsform drang doch die Meinung durch, daß man die naturgegebenen Reichtümer des Landes nicht bloß durch private Kolonisation exploitieren lassen soll, sondern auch die nationale Kolonisation, wenn auch nurteilweise, darauf basieren miüisse. Entscheidend war auch der Gesichtspunkt, daß man der Gefahr der Spekulation mit dem Orangenboden sowie einer eventuellen Hyperproduktion vorbeugen müsse und auch in dieser Beziehung die nationale Kolonisation das einzige richtige Mittel sei. Von demselben Geist waren auch alle anderen Beschlüsse der Tagung, insbesondere auch die Beschlüsse in der Frage der Alijah, der Liquidierung der Arbeitslosigkeit, sowie der Kontrolle über die Tätgkeit aller Organe der Histadruth beseelt. Man spürte überall die große Verantwortung für jeden Menschen, der ins Land kommt und für jeden Pfennig der ausgegeben werden soll, eine Verantwortung, die desto größer werden muß, je mehr Menschen ins Land kommen und je größer die verausgabten Summen werden. Die Session bedeutet somit den Auftakt zur endgültigen Liquidierung der scharfen Krise der letzten zwei Jahre und zu einer neuen Etappe der Kolonisationsarbeit, die jetzt kommen soll. Leider entspricht der Gang der Ereignisse nach Schluß der Tagung nicht ganz den ziemlich berechtigten Erwartungen. Der vollständige Abbau der Arbeitslosenunterstützung war am 23. April d. J. unter der Voraussetzung erfolgt, daß alle in Betracht kommenden Instanzen (in der Hauptsache die Landesregierung und die Zionistische Exekutive), die auf sich bezüglich Durchführung bestimmter Arbeiten genommenenen Verpflichtungen erfüllen würden. Indessen verzögert die Landesregierung infolge verschiedenster Ursachen die Inangriffnahme der auf sie entfallenden öffentlichen Arbeiten, was die Lage der Arbeitslosen, insbesondere in Haifa und der Umigiebung bedeutend erschwert und den Apparat der Histadruth wiederum stark in Anspruch nimmt. Auch die Lage der jüdischen Arbeiter in den Kolonien (vgl. diesbezüglich die folgende Notiz) bietet Anlaß zu mancher Besorgnis und erfordert ununterbrochene Anstrengungen seitens1 der verschiedensten Instanzen der Histadruth. Es ist ihdeß zu hoffen, daß die allernächsten Wochen doch eine Klärung der Lage mit sich bringen und die Kräfte für die neue Aufbauarbeit freimachen werden.