Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
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204 tumskunde des heiligen Landes eine schon über zwanzigjährige Tätigkeit hinter sich, hat wertvolle Arbeiten erscheinen lassen, hat eine große Anzahl evangelischer Theologen mit dem Lande, seinen-Bewohnern und Sitten vertraut gemacht" (,S. 94). Ist solche Argumentation ernst* zu nehmen? Wie soll man ferner über die Grundeinstellung des Autors, mit der er an die Kritik herangeht, Klarheit erhalten, wenn er folgende einander widersprechende Aeußerungen macht; Das Buch sei geschrieben, um Liebe zum Land zu wecken und die Palästina-Arbeit aus den Auseinandersetzungen politischer Parteien „auszuschalten'4 (S, 9); die Besiedeiung Palästinas, wie sie der .KH. und die Zion. Organisation anstreben, kann nur national sein, da sie sonst nur ein großzügiges Hilfswerk wäre (S. 115); der Versuch, in Palästina ein jüdisches Nationalheim zu errichten, sei gewiß interessant und bedeutsam (S. 96); „wenn aber der Zionismus sich das Ziel steckt, aus der Heimstätte den künftigen jüdischen Nationalstaat allmählich zu formen, solange er alles darauf anlegt, in die nationale Heimstätte alle Juden politisch und hebräisch kulturell einzubeziehen" usw. (das schwierige Deutsch dieses so deutsch bewußten Autors können wir bei Zitaten nicht ändern), wird der jüdische Deutsche „aus heiligem Zwang handelnd, es weit von sich weisen müssen, den nationalen PalästinaauÜbau zu fördern* (S. 118), Deutlich geht aus dieser gebrochenen Linie nur eines hervor: Der Verfasser ist ein Gegner des zionistischen Gedankens, weil er in diesem eine Bedrohung seines deutschen Bewußtseins spürt, er ist aber doch irgendwo von dem jüdischen Palästinaaufsbau gepackt und diesen seinen inneren Zwiespalt schreibt er sich mit dem vorliegenden Buche vom Herzen. Aber für den Leser kommt beim besten Bemühen kein Gewinn dabei heraus. Denn jener Zwiespalt gebiert nur das Bestreben, die zionistische Leistung zu bagatellisieren, ja nicht nur diese, sondern Palästina selbst. Mehrere Seiten sind z. B. der epochalen Entdeckung gewidmet, daß Palästina — ein kleines Land sei, was mit vielen Vergleichskarten belegt wird. Es freut anscheinend den Autor, festzustellen, daß der Landbesitz der JCA, in Argentinien größer ist, als der gesamtjüdische in Palästina, daß die Zionistische Exekutive nicht, wie man vielleicht fälschlich meinen könnte, alles gemacht habe, was in Palästina vorhanden ist, daß die Frage der Kwuzotli noch nicht positiv beantwortet werden kann, daß die Chaluzim in Jaffa eine „rohe Desinfektion'4 durchmachen müssen (von der Malaria ist merkw^rdigerwedgle kein Aufhebens gemacht), daß die jungen Leute oft die Berufe wechseln (was der Autor in bezug auf Amerika sicher sehr loben würde) usw. Besonders stark wehrt sich Doktor Wiener gegen das Prinzip der ausschließlich jüdischen Arbeit und die einheitliche hebräische Kultur, also die zwei Grundpfeiler des Aufbaues einer wirklich jüdischen Heimstätte, bringt aber selbst auch hier wieder nur innerzionistische Kritik. Er klagt ferner über die Buntscheckigkeit der Bevölkerung Palästinas, als ob nicht gerade das Herbeiströmen der Juden aus aller Welt und allen Schichten die innere Lebenskraft des gesamtjüdischen Ideals beweisen und dafür blürgen würde, daß im Prozeß der Volkwerdung alle Elemente des Judentums sich zur Geltung bringen. Er fragt besorgt, ob Tel-Aviv sich „halten werde" (ß. 85). ob nicht die Industrie aui „rinnendem Sand" gebaut ist (S. 90) u. a. m. Daß die Universität ihre Veröffentlichungen nicht nur in europäischen Sprachen sondern auch in hebräischer Sprache niederlegen läßt, geschieht nach ihm nur, „umi den nationalen Tendenzen Vorschub zu leisten''. „Warum in hebräischer Sprache?" ruft er aus (S. 94). Der Autor meint demnach, die hebräische Universität solle nur in europäischen Sprachen edieren! Man muß wieder fragen, ist das alles wirklich ernst zu nehmen? Sodann klagt Dr. Wiener über die ,,verhängnisvolle Propaganda" der Zionisten, und malt breit die Fehlschläge bei den Chassidim und bei „Manor" aus (Fehlschläge gibt es sonst nirgends <tuf der Welt, besonders nicht bei Kolonisationen), doch kann der Autor, der fortwäh_ rend behauptet, daß die Zionisten nur Günstiges verbreiten, seine 'Kenntnisse darlüiber wieder nur ausschließlich aus zionistischen Quellen schöpfen. Bleibt noch der Jammeüber den allzureichen geistigen Betrieb und die Ueberzahl hebräischer Zeitschriften. Yoilä tout! Bei bestem Willen ist in dem ganzen Buche kein Körnchen fruchtbarer Kritik zu finden. Der Autor macht höchstens Einwendungen (die er, wie öfters erwähnt, fast ausnahmslos aus der zionistischen Kritik bezieht) und setzt außerdem zu vielen Problemen, was ungemein tiefgreifend winkt — Fragezeichen. Mit einem solchen Fragezeichen versieht er. der wahrscheinlich selbst ein „Reformjude'' ist. die religiöse Indifferenz der Chaluzim (das Wort religiös ist hier von ihm im landläufigen Sinn genommen, den wahrhaft religiösen Charakter der Chaluzbewegung erkennt er nicht): ,,Es muß gleichzeitig die Fra<*e angeschnitten werden, oib es wünschenswert sein kann, daß das Judentum als Religion gerade im Lande der Erzväter vollkommen bei seite -gesetzt wird." (|S. Sl, Sperrungen von uns,) Dieser Satz charakterisiert den Autor und *ein Buch: Ein Strom tfewaltitfen Geschehens rauscht an ihm vorüber. Er steht am Ufer, voll Angst, mit Kopfsöhütteln und warnend erhobenem Zeigefinger. Das Getöse ist ihm zu laut, die Brandung zu stark. Er will sich auf ein