Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Politik. VOn Dr. Hans Kohn, Jerusalem.
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 1)
- Language
- German
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78 Rundschau. Politik. Von Dr. Hans Kohn, Jerusalem. Die palästinensische Regierung hat in der letzten Zeit eine erhöhte gesetzgeberische Tätigkeit entfaltet. Unter den neuen Verordnungen befinden sich einige, die auch für die Oeffentlichkeit von größerem Interesse sind und die die Tendenz der palästinensischen Regierung zeigen, langsam zu einer modernen Gesetzgebung auch auf dem Gebiete der Verwaltung überzugehen. So hat die palästinensische Regierung dem Gesetz über die Pflicht-Unfallversicherung der Arbeiter nun eines über die Einschränkungen der Arbeit von Frauen und Jugendlichen unter 16 Jahren in gewerblichen und industriellen Betrieben folgen lassen, (Siehe darüber unsere Mitteilungen unter »Nachrichten und Daten«,) Dieses Gesetz kommt oft ausgesprochenen Wünschen der jüdischen Bevölkerung nach einer modernen sozialen Gesetzgebung entgegen. Es hat zugleich eine darüber hinausgehende Bedeutung, Soweit es eine Industrie im Orient gibt, verwendet sie vielfach, wie es die Industrie in Europa vor einigen Jahrzhnten getan hat, ohne Einschränkung die Arbeit von Frauen und Kindern. Eine fortschreitende soziale Gesetzgebung muß notwendigerweise die sozialen Ansprüche und den Standard des arabischen Arbeiters in Palästina heben und dem des europäischen und jüdischen Arbeiters annähern. Eines der ernstesten Hindernisse auf dem Wege der wirtschaftlichen Entfaltung der jüdischen Siedlung in Palästina ist der verschiedenartige Lebens- Standard des jüdischen und des arabischen Arbeiters. Der Standard des arabischen Arbeiters ist bekanntlich viel niedriger als der des jüdischen. Dies bezieht sich jedoch nur auf die Arbeiterklasse. Das Lebensniveau des arabischen und des europäischen Bürgertums ist vielfach höher als das des jüdischen. Der durchschnittliche Tageslohn eines arabischen Arbeiters beträgt 10 Piaster, während der Mindestlohn eines jüdischen Arbeiters bei Aufrechterhaltung seines Lebens-Standards 15—17% Piaster beträgt, während noch vor wenigen Jahren der Mindestlohn des ungelernten jüdischen Arbeiters 25 Piaster ausmachte. Das Nebeneinanderstehen zweier verschiedener Lebenshaltungen bei der gleichen Klasse ist wirtschaftlich schwer lösbar. Die Zionistische Exekutive und die Jüdiche Arbeiterorganisation haben durch Maßnahmen für die kulturelle, gesundheitliche und soziale Fürsorge der Arbeiter der Senkung des Lebens-Standards entgegenzuwirken gesucht. Es ist verhältnismäßig leicht, dem qualifizierten jüdischen Arbeiter ein höheres Arbeitseinkommen zu sichern, da er heute noch vielfach ein Monopol auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt besitzt, so daß er selbst von nichtjüdischen Unternehmern in steigendem Maße herangezogen wird. Eine fortschreitende Europäisierung der arabischen Wirtschaft wird die Heranziehung neuer qualifizierter und technisch geschulter jüdischer Kräfte notwendig machen. Der ungelernte jüdische Arbeiter kann aber in der rein wirtschaftlichen Sphäre die Konkurrenz mit dem arabischen Arbeiter nicht aufnehmen. Daraus ergeben sich nicht nur die Konflikte in den alten jüdischen Kolonien, sondern auch bei der Vergebung der Regierungsarbeiten, da die Regierung auf dem Standpunkte steht, daß Regierungsarbeiten nur in öffentlicher Ausschreibung an das niedrigste Angebot vergeben werden. Die Lohnpolitik der Regierung scheint darauf gerichtet zu sein, eine Anpassung des Niveaus der Lebenshaltung der verschiedenen Gruppen aneinander herbeizuführen. Freilich verfolgt sie dabei ein vom Standpunkt der sozialen Höherentwicklung sehr anfechtbares Prinzip, nämlich den jüdischen Lebens-Standard auf den arabischen herabzudrücken, statt den arabischen langsam, auf den jüdischen zu heben, (Siehe über diese Frage den Artikel von Dr, W, Preuss in dieser Nummer,) Auch die Politik, die die Regierung in den Fragen der Erziehung, des Gesundheitswesens und anderer Öffentlicher Dienste verfolgt, weist darauf hin, daß sie den Bedürfnis-Standard der arabischen Bevölkerung auf diesen Gebieten als Richtschnur festlegt, ohne zu bedenken, daß auch innerhalb der arabischen Bevölkerung das Bedürfnis nach Erziehung, insbesondere nach einer in allen Teilen des Landes verbreiteten Elementarerziehung, und nach einer besseren ärztlichen Fürsorge stetig wächst, Die jüdische Siedlung in Palästina kann von einer veränderten Politik der Regierung auf diesen Gebieten nur Nutzen ziehen. Deswegen muß der Ausbau der Gesetzgebung über soziale Fürsorge auch weiterhin eine wichtige Forderung bilden. Nur durch eine Erhöhung des Lebensniveaus und der Lohnansprüche des arabischen Arbeiters kann das wirtschaftliche Problem der jüdischen ungelernten Arbeit in Palästina gelöst werden. Sonst ist in anderen Ländern, z. B. in Südafrika, das Nebeneinanderbestehen einer Arbeiterkaste mit höheren Lohnsätzen und höherem Lebens- Standard neben einer solchen mit niedrigerem Lebens-Standard und niedrigeren Löhnen nur dadurch möglich, daß die ersten nur qualifizierte Arbeiten unternehmen und alle ungelernte Arbeit der zweiten überlassen bleibt. (Vergl. den Artikel von Dr, Arlosoroff in Nr. 8/9 d. Bl.) Die Regierung könnte schon heute die soziale Entwicklung des arabischen Arbeiters durch Festsetzung eines Minimallohnes bei der Vergebung von Re-