Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation in Russland
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 1)
- Language
- German
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2 Die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation in Rußland. Von Dr, Artur Ruppin, Jerusalem; Vorbemerkung. Die hier behandelte Frage hat seit Jahren die gesamte jüdische Oeffentlichkeit in Atem gehalten« Die jüdische Kolonisation in Rußland ist vielfach von radikaler zionistischer Seite als ein Konkurrenzmanöver der russischen Regierung gegenüber dem Zionismus bezeichnet worden, man hat auch in nichtzionistischen Kreisen versucht, die Aufmerksamkeit und die Mittel der jüdischen Welt einigermaßen von Palästina abzulenken und mehr der Kolonisation in Rußland zuzuführen. Tatsächlich sind bereits große Summen von jüdischer Seite nach Rußland geflossen und eben jetzt sollen neuerlich 10 Millionen Dollar für dieses Kolonisationswerk gesammelt werden. Wie bekannt, hat die Zionistische Exekutive in ihren Verhandlungen mit den Nichtzionisten die jüdische Kolonisation in Rußland als eine nützliche Hilfsaktion bezeichnet, Wir freuen uns, daß wir die erste authentische und objektive Darstellung über diese Siedlungsarbeit aus der Feder des großen jüdischen Soziologen Dr. Artur Ruppin veröffentlichen können, der die zionistische Kolonisation in Palästina fast durch zwei Jahrzehnte geleitet und im Herbst die Verhältnisse in Rußland studiert hat. Aus seinen Darlegungen geht die sehr begrenzte Möglichkeit und Bedeutung des Werkes hervor, ebenso daß dieses durchaus noch nicht konsolidiert ist, daß den geringen Kosten auch eine sehr primitive, vorläuifAg; auf reinem Getreidesbau basierte Wiirtschatft entspricht, die nur vermittels neuer Investierungen durch ertragreichere und weniger unsichere (Betriebszweige ergänzt werden muß. Das Wichtigste ist, diaß freier Boden zu wesentlicher Ausdehnung der Ansiedlungstätigkeit nur mehr spärlich vorhanden ist. Jedenfalls stellt Ruppin fast, diaß der russischen Kolonisation für den ^esamtjüdisdhen Aspekt keinerlei Bedeutung zukommt. Die Red I. Die alten Kolonien. 1, Geschichte und Statistik, Die Bemühungen, die Juden in Rußland in der Landwirtschaft anzusiedeln, gehen über ein Jahrhundert zurück. Im Jahre 1804 erschien ein Ukas des Zaren Alexanders L, durch welchen den Juden, die sich in Neu-Rußland, d, h, in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw, als Landwirte ansiedeln wollten, die Zuteilung von Boden und sonstige Hilfe bei der Ansiedlung zugesichert wurde, Die russische Regierung hatte damals hochfliegende Pläne in bezug auf diese Ansiedlung. Sie wollte den fast hunderttausend jüdischen Familien, die sich bis dahin vom Schankgewerbe ernährt hatten und durch das Verbot des Branntweinausschankes ihre Existenzquelle verloren hatten, in der Landwirtschaft eine neue Erwerbsmöglichkeit eröffnen. Mehrere Jahrzehnte suchte die russische Regierung wirklich die Kolonisation der Juden zu fördern und gab ihnen nicht nur in Neu-Rußland, sondern auch in Weiß-Rußland beträchtliche Bodenflächen unentgeltlich zum Eigentum. Aber in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts ließ das Interesse der Regierung nach und wandelte sich allmählich in direkte Feindschaft um, die soweit ging, daß den Juden überhaupt verboten wurde, weiteren landwirtschaftlichen Boden zu erwerben. Die russische Volkszählung vom Jahre 1897 ergab, daß in ganz Rußland 40.611 Juden als Erwerbstätige in der Landwirtschaft arbeiteten, von denen sich