Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 11-12
- Article
- Der Oelbaum
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Oelbaum. Von Davis Trietsch *) Der Oelbaum ist ein wundervoller Baum, und es ist nur natürlich, daß die Bäume in Jotams Parabel, die einen König wählen wollten, zuerst zum Oelbaum gingen und sprachen: Regiere über uns. — Er ist wirklich der König der Bäume Palästinas, und es ändert wenig daran, daß er damals die Ehre ablehnte. Man weiß, daß auch die anderen Bäume die Königswahl ausschlugen, und daß nur der Dornbusch sie annahm, indem er sagte: Nun gut, so berget euch denn in meinem Schatten.--Solche Dinge kommen auch heute noch vor und werden immer noch vorkommen, und damals gab es noch einen besonderen Grund, ein Königsamt abzulehnen, hatte doch eben erst Abimeiech die siebenzig Söhne seines königlichen Vaters Gideon hingemordet. Aber bis auf den heutigen Tag ist der Oelbaum der vornehmste unter den Bäumen des Landes und ebenfalls bis auf den heutigen Tag ist die Gegend von Sichern reich an schönen Oelbäumen, auf die die Jotams-Kanzel vom Berge Gerizim hinabblickt wie damals. Reist man heute in Palästina und sieht man einen schönen Olivenhain, so kann man sicher sein, hier gibt es auch Wohlstand. Und auch für lange währenden Frieden ist ein schöner Bestand an Oelbäumen ein sicherer Beweis. Denn der Baumwuchs war immer das erste, was kriegerischer Verwüstung zum Opfer fiel, und während andere Baumpfianzungen schnell ersetzt werden konnten, dauerte es beim Oelbaum immer viel länger, bis ansehnliche Pflanzungen wieder hergestellt waren. Es dauerte länger, bis er Früchte trug, und deshalb konnte eine im Kriege verarmte Bevölkerung auch erst dann daran denken Oliven zu pflanzen, wenn ihr Wohlstand sich einigermaßen wieder gehoben hatte. War aber der Baum einmal gepflanzt, so konnte man auch schon hoffen, daß er Kindern und Kindeskindern Früchte geben würde, denn der Oelbaum trägt viele Hunderte von Jahren. * Man pflegt ihn auch entsprechend. Oft sieht man im Lande einzelne Oelbäume, um die eine kleine Mauer herumgebaut ist, um das Erdreich rings um die Wurzeln festzuhalten. Alte Bäume, deren Stamm hohl geworden ist, werden sorgfältig gestützt, und in die Höhlungen des Stammes werden Steine und Erde gepackt, um dem Baume Halt zu geben. Oft ist es kaum zu glauben, daß durch die spärlichen Reste der Rinde, die fast allein vom Stamme übriggeblieben ist, noch immer die Säfte von den Wurzeln zur Krone aufsteigen können, aber ihr Reichtum an Laub und Früchten zeigt es doch. Wunderlich verschlungen sind auch die Wurzeln, die häufig zutage treten, und auch der untere Stamm zeigt vielfach das eigenartige Muster wie von verschlungenen Fingern oder von Kettengliedern. — Unter dem Felsen des Felsendomes in Jerusalem werden Säulen gezeigt, die noch aus dem salomonischen Tempel stammen sollen,, und an denen diese Oelbaum- *) Aus dem eben erschienenen Buche: Bilder aus Palästina. 262