Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 7-9
- Article
- Zum Kulturproblem
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Kulturproblem. Von Dr. Ernst Müller, Wien. Abseits von Debatten und Beschlüssen, abseits von der noch so eifrigen Tagesdiskussion tauchen die größten Erfordernisse des Lebens auf und wollen sie gelöst werden. Gilt dies selbst für alle feineren Fragen des materiellen, wirtschaftlichen Lebens, soweit mehr noch für das zentrale Kulturproblem. Wir wissen, daß dieses auf den Kongressen zumeist mehr oder weniger stiefmütterliche Behandlung erfuhr, und können auch die Kongresse nicht eigentlich dafür verantwortlich machen, wenn sie überhaupt die Stimmung nicht fanden — das Wort „Stimmung" bezeichnet nur das inponderable Etwas, das auch in den Debatten und Abstimmungen manchmal das Ausschlaggebende ist — um über Dinge zu sprechen, denen keine sonstige Erörterungen, seitens der Mehrzahl vielleicht kein innigeres Interesse und auch keine klare« Formulierung vorangegangen war. So sehen wir „Kultur" auf den Kongressen als etwas sehr Verschwommenes und in sich selbst oft Zwiespältiges auftauchen. Diese Zwiespältigkeit hat ihre Ursachen in der kulturellen Vielfältigkeit des jüdischen Volkes selbst. Was z.B. die einen als jüdische Kultur schlechthin bezeichnen, gilt den anderen als kulturell minderwertig, die kulturellen Bestrebungen dieser gelten wieder jenen als judentumsfeindlich. Die einen denken an die Hebung der „breiten" Volksmassen, die anderen an individualisierte, manchmal schöngeistige Zirkel, die einen an europäische Doktrin und Technik, die das neue Land auf einen Hochstand der Zivilisation bringen sollen, die anderen an Eigenes, „nichts als Eigenes", die einen denken zuerst an die schon zu zeigenden Resultate, die anderen an die Tendenzen. Diese Gegensätze, die in sich wieder Gegensätze tragen, ließen sich noch mehr vervielfachen. Dabei schimmert auch manches Gemeinsame selbst durch die anscheinend schroffsten Gegensätze durch..... Herzl hat in vornehmer Klugheit den zentralsten und anscheinend gefährlichsten der Gegensätze ausgeschaltet: den religiösen: er hätte mit der Sache selbst nichts zu tun. Und wo das Kulturproblem auf den Kongressen auftaucht, geschieht dies in einer mehr neutralen, aber mehr an der Form als am Wesen haftenden Weise, selbst in den hochprogrammatischen, weitzieligen, aber kurzwährenden Tendenzen der sogenannten „Fraktion". Sonst, besonders in der „Epoche" der praktischen Arbeit in Palästina erscheint das Kulturproblem nur in den freudevollen Berichten über das bereits Erreichte und in den Einzelforderungen zur Förderung der verschiedenen kulturellen Institutionen. Aber diese selbst 196