Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 7-9
- Article
- Die landwirtschaftliche Kolonisation unter den Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die landwirtschaftliche Kolonisation unter den Juden.*) Von Dn Arthur Ruppin, Jaffa. Insgesamt sind durch die Kolonisationstätigkeit der russischen Regierung im Laufe von 100 Jahren etwa 5000 jüdische Bauernfamilien geschaffen worden; durch die Tätigkeit der jüdischen Kolonisationsgeseüschaften und durch Privatpersonen, die sich aus eigener Initiative der Landwirtschaft zuwandten, sind in den letzten drei Jahrzehnten noch etwa 6000—7000 Familien hinzugekommen, so daß es in der ganzen Welt heute etwa 11 000—12 000 jüdische Landwirte gibt. Man kann dieses Resultat im Verhältnis zu der aufgewandten Zeit und den enormen Mitteln, mit welchen die Kolonisationsgesellschaften arbeiten, nicht gering schätzen, denn die Schwierigkeiten, welche sich der Kolonisation entgegenstellten, waren gerade im Anfange besonders groß. Es fehlten den Juden, die mit einem Male aus Städtern und Krämern zu Landwirten werden sollten, alle dazu notwendigen Eigenschaften : die körperliche Kraft, die Eingewöhnung in das dörfliche Milieu, die bäuerliche Tradition, die technischen Kenntnisse. Zu diesen erschwerenden Umständen kam noch hinzu, daß die Kolonisten sich in der Mehrzahl aus armen Proletariern rekrutierten, die von der Kolonisation eine Verbesserung ihrer Lage erwarteten. Nicht nur, daß für bemittelte Juden die Kolonisation keinen Reiz hatte, da sie sich in Handel und Industrie ganz gut fühlten, brachte es der philanthropische Charakter, den die Kolonisation der letzten drei Jahrzehnte trug, mit sich, daß die Kolonisationsgesellschaften sich mit Vorliebe die ärmsten Juden für die Kolonisation aussuchten. Diesen armen Juden, die mit einem Male zu Besitzern von Land, Haus und Inventar wurden, fehlten aber meist die ökonomischen Fähigkeiten zur Verwaltung dieses Besitzes und es fehlte ihnen auch die Liebe und die Sorgfalt für den Besitz, die sonst der Bauer für sein im Schweiße seines Angesichts Stück für Stück erworbenes Eigentum hat. Die Folge all dieser Mängel des Menschenmaterials war, daß nur ein geringer Teil der Kolonisten dauernd der Landwirtschaft gewonnen wurde; der größte Teil fiel wieder ab, sei es, weil er die schwere körperliche Arbeit nicht leisten konnte oder wollte, sei es, weil ihm das dörfliche Leben nicht zusagte, sei es schließlich,, weil die mangelnden landwirtschaftlichen und Ökonomischen Kenntnisse und Fähigkeiten ihn zu keinem Gewinn kommen ließen. Den Mangel an landwirtschaftlichen und ökonomischen Fähigkeiten suchten die Kolonisationsgesellschaften dadurch wettzumachen, daß sie die Kolonisten einem Administrator unterstellten, der den Kolonisten die richtigen Wege weisen sollte. Aber man trieb damit den Teufel durch Beelzebub aus. Die Kolonisten blieben zwar eher vor großen Fehlern in der Wirtschaftsführung bewahrt, verloren aber das Gefühl der Selbständigkeit und Verantwortlichkeit und gewöhnten sich daran, bei allen Widrigkeiten Hilfe und — Geld bei den Administratoren zu verlangen. Nicht aufrechte Bauern, sondern versteckte Bettler waren *) Aus der soeben erscheinenden zweiten Auflage des Buches : „Die Juden der Gegenwart". 184