Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 7-9
- Article
- Zum X. Zionistenkongress
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2379786-2379838-2379845-2383180--03695-2383240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
werkes zu überwinden. Wenn man die heutigen Zustände in Rußland betrachtet, so ist es klar, daß schon der Drang, diesen zu entgehen und in erträglichere Verhältnisse zu kommen, eine so mächtige treibende Kraft darstellt, daß sie schon für sich allein — wenn im fortschreitendem Maße durch die zionistische Hilfsarbeit (Kreditinstitute, Versuchsstation, Arbeiterfürsorge etc.) die Bedingungen für die Existenz der jüdischen Landwiite in Palästina gebessert und europäischen Verhältnissen angenähert werden sollten — zur Ueberwindung so mancher Schwierigkeiten genügt. Diese sind übrigens im Vergleich gegen die Zeit der „Bilu" ganz bedeutend geringer geworden, womit natürlich nicht gesagt werden soll, daß der nationale Enthusiasmus als stärkster psychischer Motor entbehrt werden kann. Ich glaube aber andererseits auch nicht, daß seine bewegende Kraft unbedingt nötig ist, um die Volkszuwendungen an den Nationalfonds und andere Institutionen zu erhalten und zu mehren. Denn die jüdische Kolonisation in Palästina ist heute in der Judenheit nun einmal „populär" und speziell der Nationalfonds ist es. Wenn dieser fortfahren wird, in so gemeinnütziger Weise in Palästina zu arbeiten wie bisher, so wird er auch ohne das Vorhandensein eines gesteigerten nationalen Enthusiasmus seine Eingänge wachsen sehen. Es handelt sich um mehr, um ein höheres: darum, daß nur die nationale Ideenwelt unser Volk befähigen kann, sich aufs neue sozialschöpferisch zu erweisen. Es ist heute jedermann klar, daß Schicksal und Zukunft der jüdischen Siedlung in Palästina in erster Linie von der Gestaltung der Arbeiterfrage abhängt. Und deren wichtigste Seite ist nicht, ob überhaupt in den Kolonien und Plantagen die jüdischen Besitzer jüdische Arbeiter beschäftigen oder nicht, sondern ob es gelingen kann, solche Verhältnisse zu schaffen, die d e m j ü d i s c h e n A r b e i t e r ein Vorwärtskommen, einen Aufstieg zum Pächter und eventuell zum Besitzer ermöglichen. Ich halte es für den verdienstvollsten Teil der Propaganda Franz Oppenheimers, diese Wahrheit ins allgemeine Bewußtsein eingeprägt zu haben. Aber auch ohne seine geniale theoretische Konzeption, und abgesehen von der Frage, ob speziell die Siedlungsgenossenschaft eine endgiltige Form sein wird, muß jeder Beobachter der palästinensischen Entwicklung ganz von selbst auf diese Wahrheit stoßen. Alle Erfahrungen mit der bisherigen Kolonisation haben es erwiesen, daß weder die von Administrationen geführten, noch die selbständigen Bauernkolonien, so gut sich auch manche der letzteren individuell entwickeln mögen, für eine rasche Ausdehnung und eine gesicherte Zukunft der jüdischen Siedlung Gewähr bieten. Was speziell die Sicherung der Zukunft betrifft, so zeigt es sich, daß es nicht immer gelingt, den Nachwuchs am Lande und im Lande zu halten, daß als Arbeiter nur im geringen Maße Juden verwendet werden und, wo dies der Fall ist, diese angesichts der schlechten Bedingungen, unter denen sie gegenüber der arabischen Konkurrenz angestellt werden, entweder bald wieder verschwinden müssen, oder vielfach den die Existenz der jüdischen Siedlung bedrohenden Klassenkampf in schärfster Form führen. (Poale Zion.) So ist tatsächlich in der Bauernkolonisation allein keine Gewähr für die 170