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Palästina · 1909-01-01 · Heft 6 · p. Seite 145

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
6 (1909)
Issue
Heft 6
Article
Zeitungsboykott in Jerusalem
Date
1909-01-01
Page
Seite 145 (sequence 2)
Language
German
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rennen und keine Automobil- und Luftschiffwettfahrten, wir haben zum Glück, worin uns auch viele andere orientalische Städte „über" sind, keine Varetes, Tingeltangels, Animierkneijpen -und andere „berüchtigte" Häuser, aber wir haben doch schon elektrische Strassen, und Hausbeleuchtung, Telegraph und Telephon, eine hebräische, deutsche, griechische und französische Liebhaberbühne, dramatische, wissenschaftliche und sportliche Klubs und was vor allem ein Grosstadtleben charakterisiert — wir haben Streiks und Boykotts. Nach dem Boykott gegen Oesterreich, nach dem Streik der Bachurim des grossen Talmud.Thora, nach dem Streik der jüdischen Schriftsetzer und Druckergehilfen in Jerusalem und der landwirtschaftlichen Arbeiter auf den Kolonien, erleben wir jetzt einen Boykott, der wohl einzig in seiner Art is.t, den Bioykott der jüdischen und hebräischen Zeitungsleser. Der Betroffene ist diesmal Ben Jehudas „Hazewi", welcher seit Einführung der Verfassung täglich erscheint, während er bis dahin von der Regierung suspendiert und durch die „Haschkafa" ersetzt war. Seit einigen Monaten ist ein Sohn Ben Jehudas „Herr Ben Abi" von Berlin nach Jerusalem zurückgekehrt. In diesem Frühjahr hatte Herr Ben Jehuda Jerusalem verlassen, da sie ja den „Hazewi" bei dem Sohne Ben Abi in guten Händen wussten. In einem Artikel über die jüngst in Kleinasien verübten armenischen Massacres durch die fanatischen reaktionären Alttürken machte es Herr Ben Abi in seinem „Hazewi" den Jerusalemer und palästinensischen Juden zum Vorwurf, dass sie sich nicht kräftig und ausreichend genug an der zu Gunsten der Armenier eingeleiteten Hilfsaktion beteiligten und er führte diese Tatsache auf den Umstand zurück, dass die Juden die Christen als verächtlich und minderwertig, als feindselig gesinnte „Amalekim" betrachten, denen gegenüber ein Gefühl des Mitleids, der Teilnahme und Opferbereitschaft nicht am Platze sei. Diese nicht einmal von dem verbissensten und rabiatesten Antisemiten gegen die Juden erhobene Vorwurf entfesselte unter der gesamten Judenschaft von Jerusalem und Palästina, unbeschadet der religiösen und nationalen Unterschiede, einen ganz elementaren Sturm der Entrüstung, welchem zuerst Dr. Masie, Arzt an dem Bikur Cholim Hospital, durch einen offenen Brief an den „Hazewi" laut beredten, geharnischten Ausdruck verlieh. Dr. Masie wies auf Grund der Bibel, des jüdischen Schrifttums alter und neuer Zeit und der Aussprüche hervorragender jüdischer Rabbiner und Gelehrter darauf hin, das dem Juden in seiner Religion und seinem religiösen Bekenntnisse nirgendwo erlaubt oder gar geboten sei, einen Andersgläubigen als religiös und moralisch minderwertig anzusehen, ihn zu verachten und ihm im Notfälle die allgemeine! Pflicht der Menschen- und Nächstenliebe zu verweigern, so dass es nur als ein schändliches, unverantwortliches Beginnen und als Verrat am eigenen Volke bezeichnet werden müsse, wenn durch ein solch frevelhaftes, böswilliges Vorgehen der Friede und das gute Einvernehmen zwischen den Religionen und Völkern gestört und der besonders unter der orthodoxen Bevölkerung immer latente Hass und die Gegensätze gegen die Juden aus den Reihen der Juden selbst Nahrung erhalte und in Gefahr drohender Weise gesteigert werde. Dr. Masie wies dann zur Entschuldigung, dass 145

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