Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 6 (1909)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Klagemauer
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ten, verachteten, gequälten Volkes kommt hier in seiner ganzen Tragik zum Ausdruck. „Nach Jerusalem wirst du erbarmungsvoll zurückkehren und darin tronen. O baue sie bald in unseren Tagen zu einem Weltgebäude und errichte Davids Thron! Mögen unsere Augen sehen, wie du in Erbarmen zurückkehrst nach Zion". Dieses inbrünstige Flehen, an dieser Stelle, hat eine dramatische Kraft, die unser Gemüt geradezu mit Entsetzen erfüllt. Dieses starre, ungebändigte, unerschütterliche Festhalten am uralten Glauben, an die Wiederaufrichtung Zions, und diese hilflose Ohnmacht. — Diese schwachen Greise, Weiber und Kinder, denen jede Kraft zu irgend einer Tat fehlt, und die dabei ihre ganze Energie und ihr ganzes Denken und Fühlen in ein Gebet hineinpressen, mit den Händen auf die Steine hauen, schreien und weinen, und bittere Tränen vergiessen, um ihr trauererfülltes armes Herz zu erleichtern, jdiese einander widerstreitenden und andererseits sich ergänzenden Erscheinungen bergen das Problem der Judenfrage in sich, sind der Notschrei eines unschuldig verurteilten und nicht sterbenwollenden Volkes, das noch immer nicht die innere Kraft erlangt hat, seine äussern Fesseln zu brechen. Es ist rätselhaft und charakteristisch für die Beurteilung der Volksempfindungen, dass die Juden auf den ganzen Tempelplatz de facto verzichtet haben und sich damit begnügen, draussen an einer Mauer über den Untergang Zions ewig zu weinen, und dass die anderen Völker, die dem jüdischen Volke Alles geraubt haben, den Juden noch diese heilige Stätte gelassen haben. — Ist der Kontrast ein gewollter?! Befriedigt es die Völker, die klagenden, besiegten Juden, die Trümmer unserer uralten Kultur neben der herrlichen Moschee, in der Nähe der triumphierenden Kirche zu sehen?! □ □ □ Anfrage. Es wäre von grossem Wert für die philologische Forschung, wenn sich Interessenten fänden, die den spanischen Jud»en im Orient, besonders den palästinensischen in Jerusalem ihre Aufmerksamkeit schenkten. Unter den an Ort und Stelle wohnenden Europäern finden sich gewiss solche, die mit Leichtigkeit in der einen oder anderen Art Nachrichten über diese bekanntlich durch die spanischen Judenaustreibungen am Ende des XV. Jahrhunderts zersprengten Juden gammeln könnten. Auch aus anderen Enklave, wo sie die spanische Sprache bewahrt haben, wären solche Nachrichten von grösstem Interesse. 68