Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 6 (1909)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Klagemauer
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2379786-2379815-2379819-2382210--02306-2382278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jean Fischer, Antwerpen: Die Klagemauer. Einige der schmutzigsten Strassen des Judenviertels muss man passieren, um zur Klagemauer zu gelangen. Der Zugang ist derart eng, dass man die Mauer erst erblickt, wenn man vor ihr steht. 48 Meter lang und 18 Meter hoch, erscheint die Mauer sehr hoch, denn in der schmalen Strasse vor der Mauer muss man den Kopf zurückwerfen, um hinaufsehen zu können. Die unzweifelhaft alten, ziemlich grossen Steine erreichen etwa eine Hälfte der Gesamthöhe. Freitag Abend ist die Szene an der Klagemauer ergreifend. Rechts stehen die Sephardim, dann kommen die Aschkenasim, und dann die Chassidim. Alle Gemeinden sirtd vertreten, jede Gemeinde betet für sich und hat ihren Vorbeter. Vorherrschend sind die Streimel, *) daneben auch samtene, sclhwarzfe Hüte und der rote Fez. Fast Alle tragen helle Plüschmäntel von schreienden Farben, hochrot, gelb, violett, grün. Ein malersich hochinteressantes Bild und für den Kenner polnischer Juden frappierend: ein polnisches „Streimel'' x). über einen gelben „Chelat". '2) Wo sonst als hier könnte so etwas möglich sein? Der Klagemauer gegenüber lehnen oder kauern an der Wand einige Weiber. Die Zuschauer mischen sich ungeniert unter die Versammelten, und mancher Araber profitiert von der Gelegenheit, da die Juden nicht betteln können, und schnorrt zudringlich die Europäer an mit seinem ewigen „Backschisch". Die Betenden achten nicht auf die Umgebung, jede Gemeinde bleibt beisammen, und das Gebet wird mit tiefem Ernst verrichtet. Alt und Jung betet andächtig. Ein Knabe von vier bis fünf Jahren im ganz kleinen Pekeschel und mit grossen Peies 3) sagt das Gebet auswendig her, und schaut empor zu seinem Vater, der selber noch wie ein Kind aussieht, ob der Vater die Art seines Betens nur bemerkt und gut findet. Ich hätte den kleinen herzigen Buben umarmen mögen, da hält er die Händchen vor die Augen und schreit: Schema Israel. Die ganze Gemeinde schreit das Schema, und Alle schütteln sich dabei heftig. Auch die anderen Gemeinden rufen das Schema, und die durcheinander schwirrfenden Stimmen vereinigen sich zu einer lauten mächtigen Klage, die sich durch die Lüfte ringt zum barmherzigen Allvater. Das Schicksal eines unterdrückten, beraubten, geschände-!) Pelzmützen. 2) Oberrock. 3) Haarlocken. 67