Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Land- und Gartensiedlungen [Rezension]
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 2)
- Language
- German
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die Großstadt, die zum Herde soviel ungesunder Lebenserscheinungen geworden ist, bietet eben keineswegs mehr die Aspekte eines menschenbeglückenden Fortschritts. Dennoch kann auch das primitive Dorf in seiner unbewußten Natürlichkeit nicht ein ernstes Ziel des modernen Menschen bilden. So vereinigt sich die Sehnsucht eines „natürlichen" Rufes: „Zur Natur zurück" mit dem verfeinerten Bedürfnis eigenen Lebensstiles, um eine neue Art ländlicher Siedlung wünschenswert zu machen. Was mancherorten einzelne Künstler versucht, wie in Worpswede, soll ein Element einfach volkstümlicher Architektonik werden, womit die Idee des Kunstgewerbes: die ästhetische Form in die Objekte des Bedürfnisses hineinzutragen, dahin zurückzukehren scheint, wo sie ihren Ausgang nahm: in die bauliche Form der menschlichen Heimstätte. Sehr bedeutend sind die Wirkungen, welche die landschaftliche Umgebung auf den Menschen ausübt. Es wird darum nicht gleichgiltig sein, ob Haus und Slraße, das Gesamtdorf oder das einzelne Gehöfte dem Charakter der Umgebung angepaßt sind oder nicht. Das Vorherrschen der horizontalen und vertikalen Linien, ihr Verhältnis zu einander, sind davon abhängig, ob die Umgebung Ebenen- oder Gebirgscharakter hat. Die Linien erzeugen bestimmte physisch-psychische Wirkungen, wie es W. Lange bezeichnet. Anderseits ist das Schema der geometrischen Regelmäßigkeit nicht schon das ästhetische. Schnurgerade Straßen wirken manchmal, gekünstelt, sogar häßlich und für die Anlage von Dörfern wird geradezu die leicht gewundene Straße empfohlen. Ähnliche Beziehungen, die für jeden speziellen Fall eine besondere Anwendung erfordern, bestehen für die Anlegung von Gärten, für die Anordnung der Bäume, die Errichtung von Mauern, Böschungen, Hecken usw., für das Einzelhaus wie für die Harmonie einer ganzen Siedlung, wo jedes Haus sich dem Gesetze des Ganzen fügen muß, ein Umstand, der zum Beispiel in den modernen Villenstädten wenig berücksichtigt ist. Der Stil des Landhauses hat, wie zuerst in England erkannt wurde, sein Naturbild im Dorf- und Bauernhause, mit seiner nationalen Mannigfaltigkeit, seiner möglichst einfachen Zweckmäßigkeit, die zugleich unbewußte Stilmäßigkeit ist. Wie sich diese vereinigte Stil- und Zweckmäßigkeit in Bau und Einrichtung von Landhäusern und -gärten aller Art durchführen läßt, wird hauptsächlich in den Arbeiten des Herausgebers, Willy Lange (Wannsee), dargestellt. Mehr die historische Seite, die bis auf das stilbildende Moment in der Entstehung der deutschen Siedlungsformen zurückreicht, behandeln u. a. Willy Pastor (Berlin) und Rob. Mickle (Charlottenburg). Als eine völlig n eu e, aus modernen Verhältnissen entspringende und gegen deren Übelstände gerichtete Siedlungsform erscheint, die zuerst von dem Engländer Howard theoretisch konstruierte Gartenstadt, der J. Lehn er einen kurzen Aufsatz widmet. Ziemlich ausführlich wird auch die soziale Seite des Problems in verschiedenen Aufsätzen behandelt. Handelt es sich doch nicht bloß darum, stilvolle Landhäuser zu schaffen, sondern wie Dr. J. Altenrath in dem Beitrage: „Die Ansiedlung von Industriearbeitern" sagt, liege der Kern des Prob'ems tiefer, denn es gelte „die gesamte Besiedlung unseres Landes in andere Bahnen zu leiten". Die Wohnweise des größeren Teiles der Kulturmenschheit ist ja nicht nur ästhetisch unschön, sondern unhygienisch, unnatürlich und wenig menschenwürdig. An diesen Punkte will die Bodenreform einsetzen, deren Grundsätze von ihrem Führer Damaschke in ihrer vielfachen Verzweigung hier in kurzer Zusammenfassung wiedergegeben sind. Durch Sicherung der Grundrente für die Gemeinwesen will sie dem Wohnungselend steuern. Und wenn es den Städten, Kommunen und Kreisen gelingt, durch eine Reform des Hypothekenwesens möglichst viele Ländereien in der Umgebung der Städte zu erwerben, wird es möglich sein, einem Teil des Arbeiterproletariats durch Erbauung einfacher Arbeiterhäuschen mitGärten eine natürliche Sesshaftigkeit und wirtschaftliche,Hilfe zu geben. („Ländliche Ansiedlungen von Arbeitern" von Karl Sichold und „Ansiedlung 45