Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 4 (1907)
- Issue
- Heft 9-12 (September 1907)
- Article
- Bedeutung der Bagdad-Bahn für Mesopotamien [Nachricht]
- Date
- 1907-09-01
- Page
- Seite 280 (sequence 2)
- Language
- German
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— 280 — Lande beruhte der Ackerbau überwiegend auf künstlicher Bewässerung.. In dem ersten Teile braucht man also nur zu pflügen und zu säen, um ernten zu können, da genügend Wasser durch den jährlichen Regenfall vorhanden ist. Beim zweiten Teile muss mit einer Ackerbaukultur die Wiederherstellung und Instandhaltung der alten Kanäle Hand in Hand gehen, durch die das Wasser der beiden Ströme auf die Felder verteilt wird. Das genannte Gebiet längs der Zwillingsströme vom Taurus bis zum persischen Golf hatte zur Zeit Harun al-Raschids eine Bevölkerung von sechs Millionen Menschen. Vor dem Einfall der arabischen Eroberer zur Zeit der Sassanidenherrschaft hat es sogar acht bis zehn Millionen Bewohner ernährt. Und heute? Einundeinehalbe Million Menschen fristen armselig auf diesem ehemals reichen Gebiet ihr Dasein. In der letzten Zeit der Sassanidenherrschaft ging durch Naturgewalten und Kriege schon ein Teil der Bewohnerschaft zugrunde; die Kanäle wurden nicht mehr im Stande gehalten und verfielen zum Teil. Und zwei bis drei Jahrhunderte nach der Errichtung des arabischen Reiches in Babylonien war das Schicksal des Landes besiegelt. Hier, im Zentrum einer grossen alten Kultur, wie überall von der Küste des Mitteimeeres an bis zu den Gestaden des Indischen Ozeans und den Grenzen des Iranischen Hochgebirges erfolgte ein Zusammenbruch des Bestehenden. Hier entstand festes Bollwerk zwischen Abend- und Morgenland. Handel und Verkehr zwischen Europa einerseits und Indien und China andererseits wurde in grossem Umfange lahmgelegt. Und diese hemmende Schranke ist bis heute nicht durchbrochen, denn der Weg durch den Suezkanal bedeutet nur eine Umgehung. Der schnellste. und direkteste Weg zwischen Europa und Indien würde über Konstantinopel durch Kleinasien und das Euphrattal nach dem persischen Meerbusen führen. Diesen Weg soll die Bagdadbahn erschliessen. Darin liegt die grosse kulturelle Bedeutung dieser Bahn. Unwillkürlich drängen sich (bei der Besprechung dieses wichtigen Bahnweges Vergleiche mit anderen Eisenbahnsystemen auf, die ebenfalls zwei Meere in direkte Verbindung brachten und neue Landgebiete der Kolonisation öffneten. Vor allem die erste pacifische Bahn in Nordamerika und die sibirische Transkontinentale locken zu einer Vergleichung. Aber die Fertigstellung der ersten amerikanischen Verbindung zwischen Atlantik und Pacific, so wichtig sie für Nordamerika auch war, berührte doch das ferne Europa verhältnismässig wenig. Und auch der Wert der sibirischen Bahn, wenn sie überhaupt erst einmal ein Verkehrsmittel sein wird, liegt in einer ganz anderen Richtung, ganz abgesehen davon, dass sie uns nur den fernen Osten, Japan und die Mandschurei, näher bringen wird. Vor allem wurde in beiden Fällen keine Kluft überbrückt. Die Strassen, auf denen heute durch Amerika und Sibirien die Lokomotiven eilen, waren nie durch eine hohe Mauer unwegsam gemacht. Die Bagdad-Bahn aber stellt eine Brücke wieder her, die seit einem Jahrtausend zerstört war. Aber die Bagdadbahn bringt auch ein gänzlich neues Problem in die Geschichte der Kolonisation. Sobald die Bahn Mesopotamien erreicht haben wird, wird dadurch, dass für Ruhe und Ordnung im Lande gesorgt werden kann und die nötigen technischen Bauten für die Bewässerung des regen-