Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 2 (1903-1904)
- Issue
- Heft 3-6
- Article
- So lange es Zeit ist
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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— 125 — SO LANGE ES ZEIT IST. VON DR. NATHAN BIRNBAUM. (AUS DER JÜDISCHEN V OLKSZEITUNG * VOM 3. APRIL 1894). „Erst jüngst haben wir auseinandergesetzt, was das Programm aller ihrem Volke und Volkstum ergebenen Juden sein müsse. Wir erörterten zuerst, was in nationaler Hinsicht zu geschehen habe, um uns schliesslich mit der wirtschaftlichen Seite der Judenfrage zn beschäftigen. Wir fanden, dass das ungemein entwickelte wirtschaftliche Elend Israels in unserer historischen Ausnahmestellung begründet sei und sich gründlich nur durch die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes auf dem wieder zum nationalen Mittelpunkt unseres Volkes zu erhebenden Boden unserer Volksheimat beheben lasse. Darum bezeichneten wir die Palästinabestrebungen als die wichtigsten, derenthalben man aber freilich nicht jene Massnahmen vergessen dürfe, die berufen sind, augenblicklich Hilfe zu schaffen und so unser Volk kampfkräftiger zu machen. "Wir deuteten an, dass diese Aktionen einerseits in beruflicher Solidarität, andererseits in Kolonisations-Unternehmungen ausserhalb Palästinas bestehen müssten. Von den letzteren wollen wir heute sprechen. Man hat den Nationaljuden oft den Vorwurf gemacht, dass sie sich nichtzionistischen Kolonisationsprojekten, ohne sie auch nur prüfen zu wollen, feindlich gegenüberstellen. Nichts ist ungerechter als diese Beschuldigung, wenn man sie so ganz, ohne Unterscheidungen zu machen, ausspricht. Ja5 wenn ein Projekt die Gefahr einer weiteren Zersplitterung des jüdischen Volkes in sich birgt — dann wehren wir uns dagegen, weil wir nicht zulassen können, dass der einzige Rettungsweg für die Strasse nach Zion, Ton noch weiter verstreuten jüdischen Gruppen noch mühseliger erreicht oder nicht mehr gefunden wird. Gegen solche Unternehmungen, welche den Zionismus kopieren wollen, aber den Keim des Misslingens in sich tragen, weil ihnen der nationale Charakter fehlt, ' müssen wir im Interesse unseres Volkes, und, damit nicht Tausende unseres Stammes mutwillig geopfert werden, Stellung nehmen. Aber sobald eine gewöhnliche Auswanderungsaktion nicht die Anmassung hat, mii einem epochalen geschichtlichen Werke zu wetteifern, sobald es sich vielmehr nur darum handelt, bedrängten Brüdern ohne Schaden für die Zionssache eine Zufluchtsstätte zu schaffen, dann sind wir mit Freuden dabei. Ohne Schaden für die Zionssache sagen wir. Diese Bedingung ist bei überseeischen Kolonisationsgebieten nur dann erfüllt, wenn die -betreffenden Ansiedelungspläne verhältnismässig geringe Auswanderermengen betreffen. So ist z. B. die beschränkte Kolonisation, wie sie jetzt Baron Hirsch in Argentinien plant, durchaus unschädlich und kann, rationell durchgeführt, in ihren engen Grenzen recht wohltätige Resultate ergeben. Man könnte nun glauben, dass, da gegenwärtig niemand mehr an überseeische jüdische Kolonisationen in grossem und grösstem Massstabe denkt, wir weiter nichts zu sagen hätten. Doch ist damit, dass die grossen Pseudo¬ Erlösungen abgetan sind, schon die grosse Frage aus der Welt geschafft, wie den hunderttausenden verfolgten und gehetzten Juden auch für den Augenblick einigermassen geholfen werden kann? Die Massenhilfe in Argentinien hat sich, abgesehen von ihrer Schädlichkeit, als undurchführbar herausgestellt; eine Besserung der Verhältnisse in den alten Wohnsitzen der Unglücklichen ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten; die Palästina-Kolonisation kann wegen ihres notwendig langsamen Fortgangs momentan nur wenigen tausend russisch- oder rumänisch-jüdischen Auswanderern Unterhaltsmöglich-