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Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland · 1898-03-01 · Heft 5 (März 1898) · p. Seite 20

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Journal
Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
Volume
1898
Issue
Heft 5 (März 1898)
Date
1898-03-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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20 zu einander stehen; das Judenthum gewann durch die Leuchte der Wissenschaft, und die Wissenschaft erweiterte sich um ein neues, nur von Wenigen gekanntes und erkanntes Gebiet. Geehrte Versammlung! Als um die Mitte dieses Jahrhunderts das innere politische Leben der Staaten sich nach dem parlamentarischkonstitutionellen System umgestaltete, Staatsverfassungen zwischen Fürsten und Völkern vereinbart und auch den Juden neue Rechte eingeräumt wurden, da tauchte eine neue Gefahr für das Judenthum auf. Auf der einen Seite stand die so lange entbehrte, heißersehnte bürgerliche Freiheit, auf der anderen die bindende Kraft und die gebietende Autorität der Religion. Da bemächtigte sich unserer Glaubensgenossen eine geradezu leichtsinnige Preisgebung und Verspottung alles dessen, was uns an das Judenthum und die väterliche Religion erinnerte; man fand eine gewisse, freilich nicht beneidenswerthe Befriedigung darin, aller Welt zu zeigen, was man sich nicht alles gegen seinen Glauben und dessen Pflichten erlauben dürfe. Es ging wiederum der Geist der alten Griechlinge um, man schrie wiederum in allen Gassen den unglückbringenden Ruf: „laßt uns sein wie alle Anderen." Jüdische Satzung, jüdische Lehre, jüdisches Familienleben, Mäßigkeit, Nüchternheit, Bescheidenheit traten zurück vor Religions- und Konfessionslostgkeit, vor Unbescheidenheit, lautem Auftreten und unwürdigem Sichvordrängen, und Allen voran unsere studirende jüdische Jugend. Die traurigste Erscheinung aber in jüdischen Kreisen, Gemeinden und Familien war jene bodenlose Unwissenheit in jüdischem Schriftthum und jüdischer Litteratur: Unwissenheit war von jeher das größte Unglück für Judenthum und jüdisches Leben. Als der Tempel in Jerusalem noch bestand, unterschied man zwischen Priesterthum und Laien; noch vor seinem Untergang tauchte eine andere Unterscheidung auf, nämlich die zwischen Gelehrten und Ungelehrten und y**»01?; ja man schätzte die Wissenschaft und den Gelehrtenstano so hoch, daß man die Behauptung aufstellte 2!- bnj amp “ITDÖ con ‘T'öbfi liavl psn „man müsse einen gelehrten Bastard einem unwissenden Hohepriester vorziehen". Bon dem Verfasser der Mifchna, Rabbi Jehuda Hannaszi, der sehr reich war, wird erzählt, daß er in den Jahren der Hungersnoth seine gefüllten Speicher den Armen öffnete, aber jeden Bedürftigen vorher fragte, ob er auch Bibel, Mischna oder Talmud studirt habe; fiel die Antwort verneinend aus, so wurde er abgewiesen. Und als Rabbi Jehuda einmal aus Mitleid sich bestimmen ließ, einen unwissenden Armen zu unterstützen, bedauerte er es nachträglich mit dem Rufe pan Dp iflBÖ 'flfW 1‘? '18 „Wehe mir, ich habe von meinem Brode einem Ungelehrten gegeben," denn es war seine unerschütterliche Ueberzeugung *6« übtyb DlfcO rVUjniÖ pK |HKP1 'foV b'OttD „an allem Unglück, das über Israel kommt, sind die Unwissenden, die der Thora und des jüdischenSchriftthums Unkundigen schuld." Wehe unserer gegenwärtigen Glaubensgenossenschaft, wenn die Gottheit der Anschauung des R. Jehuda gemäß sie richten wollte.

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