Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Journal
- Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 11 (Dezember 1903)
- Article
- Verbandstage der Literaturvereine
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2378030-2378041-2378042-2378489--0453-2378509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Meine Herren! Namens des Rabbinats der Jüdischen Gemeinde habe ich die Ehre, Ihnen unseren herzlichen Gruß zu entbieten und unserer Freude über Ihre Versammlung Ausdruck zu geben. Die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur sind eine der jüngsten Schöpfungen des deutschen Judentums, sie haben in der segensreichsten Weise sich entwickelt. Sie wurden aus der Erkenntnis heraus gegründet, daß unsere große Geschichte zu wenig bekannt ist, daß der Jude der Gegenwart vielfach Schmähungen gegen seinen Glauben und seine Volksart hört und ihrem Einflüsse unterliegt, weil er nicht weiß, auf welchen Verdrehungen und Entstellungen sie beruhen, wie einseitig und gehässig sie sind und wie wenig sie der großen, durch weite Räume und Zeiten sich erstreckenden Erscheinung des Judentums gerecht werden. Diesem Mangel an Kenntnis und an Verständnis haben Ihre Vereine entgegenzuwirken gesucht. Die in ihnen gehaltenen Vorträge haben auf den großen Gang der jüdischen Geschichte hingewiesen und einzelne bedeutsame Ereignisse aus ihr hervorgehoben. Sie haben die lebendige Kraft nachgewiesen, die in Israel seit Jahrtausenden tätig ist und unerschöpflich durch alle Zeiten in ihm sich bezeugt. Sie haben die Leistungen dargelegt, die das Juden; tum für sich und für einen großen Kreis der Menschheit erzeughat. Die Wirkung dieser Vorträge auf unsere Glaubensgenossen war vielfach derjenigen verwandt, welche die nähere Bekanntschaft eines Juden auf früher vorurteilsvolle Nichtjuden auszuüben pflegt. Die Vorurteile verschwinden vor der persönlichen Erfahrung, das befangene Auge lernt klarer sehen, die eigenartigen Züge erkennen und würdigen. Gutes und Schönes tritt ihm in einer Kraft unq Fülle entgegen, die es nicht erwartet hatte, und die vorhandenen Schwächen lernt er als echt menschliche erkennen oder als solche, die mit Nachsicht zu beurteilen sind und deren Schwinden von der Zukunft zu erwarten ist. So erfuhren viele Juden auch mit wahrhaftem Erstaunen von der Größe und der Bedeutung Israels unter den übrigen Völkern, von der hohen Bestimmung, die dem Judentum gegeben worden ist, von dem Geiste, der seine Propheten, Weisen, Dichter und Denker erhoben hat, von dem Heldenmute und der opfervollen Hingebung, die das Volk im Ganzen wie auch die Einzelnen und die Kleinen unter ihnen zu allen Zeiten betätigt haben. Freudige und erhebende Empfindungen sind dadurch erweckt worden, ein Strom von Wärme und Liebe ist aus diesen Darstellungen der Vergangenheit dem Juden der Gegenwart entgegengeflutet, hat sein Herz ergriffen und erwärmt; viele, die in Gefahr waren, sich von uns zu verlieren, unserer Gemeinschaft erhalten und mit neuem Eifer für deren Leben und deren Zukunft erfüllt.