Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1843)
- Article
- Frankfurt a. M.: Motivirte Anklagen gegen Hrn. Lehren ...
- Date
- 1843-12-12
- Page
- Seite 397 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360256-2360307-2371155--4211-2371185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
397 gekauftes Grundeigenthum mit 38-397 G«. 34 P. belastet, welches Kapitol die Gemeinde noch bis zur Stunde ä 15Z jährlich zu verzinsen hat, und das jetzt nach Abzug einer dritten Zahlung von 2000.0 Gr. Da nun H. Lehren, laut erwähnten Kaufbriefes, auf dieses Grundeigenthum nichts mehr schuldet, so müssen seine Agenten entweder Gelder unterschlagen oder Ausgaben gebucht haben, die nie statt fanden. Die unter der Zuchtruthe des VaMs Pinzker stehende Gemeinde kann und darf nur durcy^msere L-'erm'ittelung diese Angelegenheit zur Sprache bringen, wozu wir direkt beauftragt sind. Wir. fordern daher Rechenschaft von Ihnen, Herr Lehren, mit welchem Rechte unfern armen Glaubenöbrüdern in Jerusalem eine Schuldenlast, die sich jetzt schon auf Lst. 5224belauft, die aber rechtlich auf Ihrem erworbenen Eigen thum haftet, aufgebürdet wird. Soll etwa die Gemeinde dafür büßen, daß S i e betrogen wurden und Ihr Vertrauen zweien Nichtswürdigen geschenkt haben? — Wir möchten ferner wissen, warum Sie, dem die Presse in Palästina auf jedem Druckbogen einige Zeilen Lobgehude! als Tribut zollen muß, sich nicht lieber dieser Presse bedienen, um mit Zahlen statt mit leerem Wortgepränge Ihr Wirken und Ihre Leistungen zu rechtfertigen? Würde es etwa dem Rufe Ihres Hauses schaden, wenn Sie, statt der Berechnung des heiligen göttlichen Namens, dessen Zahlengröße Sie mit sehr profanen Unterschriften in Verbindung zu bringen suchen, um etwa für deren Glaubwürdigkeit einen# kabbalistischen! Grund anzugeben, vielmehr eine Berechnung der Einnahmen und Ausgaben den Kontribuenten vorgelegt hätten? Würde nicht eine solche offene Darlegung Ihnen und unfern palästinensischen Glaubensbrüdern mehr Ehre und resp. Nutzen bringen, als die von Ihnen nachgedruckre und verbreitete Haskama, die nach Inhalt, Sprache und Form den Stempel der Verrücktheit an sich trägt? Und sind für solche geistig verknechtete und verwahrloste Menschen ein Hospital und eine Schule nicht nöthiger und heilsamer als der von Ihnen erkaufte „Hof," der nur dazu dient, dem Müssiggange ein Asyl anzuweisen und die Gemeinde in eine Schuldenlast zu stürzen? ~~ Wir wissen im Voraus, daß Sie auf diese Anfragen Ihre stereotype Antwort bereit haben: „Es ist alles Trug und Lüge" (tD'D’im nrow DE nm yw bjn), eine Antwort, die freilich ebenso paffend, vernünftig und schlagend ist, wie Ihre vorgebrachten Gründe gegen die Erbauung einer Synagoge und eines Hospitals und Gründung einer Schul e in Jerusalem. Wir sind aber überzeugt, daß Sie doch endlich einmal noch die öffentliche Meinung achten und einsehen lernen werden, daß das Licht der Wahrheit mächtiger ist als der Nimbus irdischen Reichthums und chasidäischer Komödien. Wir begnügen uns vorest mit diesen offenen Anfragen, und verweisen auf eine von Hrn. L. H. Löwenstein demnächst erscheinende „Geschichte der Lehren'schen Venwaltung, aktenmäßig dargestellt und beleuchtet". Raphael Kirchheim. Deutschland. Hamburg, 20« Nov. (WB. vom 12—19.Nov.) Aus einer Berliner Korrespondenz der Hamburger Neuen Zeitung vom 18. d. M., welche den Wortlaut der, von der Kömgsberger jüd. Gemeinde an den Kaiser von Rußland abgesandten (ob auch an ihn gelangten, ist eine andere Frage) Fürbitte für die unglücklichen jüd. Grenbewohner mittheilt, ersieht man, daß auch die Gemeinden Berlins, Kölns, Breslaus und Amsterdams sich zu demselben Zwecke an den Beherrscher Rußlands gewandt und ihn um Zurücknahme seines Ukases gebeten haben. Daß andere Gemeinden, wie z. B. die Hamburger, die in diesem Punkte gewiß durchaus einstimmig ihre Sympathie zu erkennen geben würde, einen gleichen Schritt zu thun unterlassen haben, rührt lediglich daher, daß man daselbst mehr als anderswo von der Fruchtlosigkeit desselben überzeugt ist. Ist es wenigstens erlaubt, einen Schluß per analogiam zu machen, so können solche eben so redliche wie gut gemeinte Demonstrationen eher zur Verschlimmerung als..zur Verbesserung des Looses der Opfer einer grausamen Politik beitragen, wie denn u. A. die Bemerkung gemacht worden ist, daß jedesmal, wenn sich die gesetzgebenden Versammlungen Englands und Frankreichs zu Gunsten Polens aussprachen, immer härtere Maaßregeln gegen das bedauemswerthe Land ergingen. So sehr nun die Analogie nach dieser Seite hin den Anschein der Wahrheit für sich zu gewinnen geeignet ist, so wenig findet sie wiederum in Ungarn ihre Anwendung. Hier ist man vom tiefsten Haffe gegen Rußland erfüllt: man spricht für Abschaffung der Todesstrafe, für Geschwornengericht, für Emancipation des Bürgers von der Geistlichkeit und den bis jetzt sich selbst ergänzenden Obrigkeiten, für die Besteuerung des Adels rc. j. aber den Juden gesteht man nicht einmal das Recht zu, für den Reichstag wählbar zu sein, obgleich sich bis jetzt schwerlich Juden zur Standschaft qualisiciren, sobald dies aber wirklich der Fall wäre, dem Vertrauen ihrer christlichen Mitbürger ein ungesetzlicher Zwang in Betreff der Unstatthaftigkeit ihrer Wahl auferlegt wurde, wie dies die Redner der Opposition, Klauzal und Beöthy, glänzend genug hervorgehoben haben. Für jetzt hat man den Juden bei der zweiten Tafel blos das Städtebürgerrecht zugestanden. Sehen doch die Christen überall recht ein, wie oft sie sich gegewandter und einsichtsvoller Vertreter oder anderer tüchtiger Mitwirkenden und Mitarbeiter berauben, indem sie die Juden aus kleinliche Weise einengen oder einengen lassen! Was soll man z. B. von einer Regierung denken, die, wie es vor Kurzem die russische in den sog. neurussischen Provinzen, namentlich in Beffarabien gethan, trotz der Bitten der christlichen Bevölkerung fremde Juden, die sich als Handwerker beliebt, nützlich und unentbehrlich gemacht haben, nicht dulden will, weil sie