Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 48 (28.11.1843)
- Article
- Stimmen und Urtheile über den Frankfurter Reform-Verein
- Date
- 1843-11-28
- Page
- Spalte 765-766 (sequence 3)
- Language
- German
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765 766 Votum des Nabb. L. Stein über den Fr. Reform-Verein. tersagenden Bekenntnisse zum äußeren Haltpunkte und zur inneren Anregung dienen, und wenn (S. 6) gesagt wird, daß Viele der jetzigen Israeliten nur durch' eine aus Familienempfindungen hervorgehende Anhänglichkeit noch dem Judenthum angchören, so ist aber die Quelle dieser tiefen Empfindungen die fromme Sitte der Väter, und würde mit der Absorbirung aller religiösen Formen auch diese Quelle bald versiegen. Aus einer zweideutigen Stelle über die Beschneidung (S. 5) ist nicht zu entnehmen, ob diese gleichfalls zu den verwerflichen ausschließenden Formen zu rechnen sei, oder nicht: sedenfalls scheint durch den betr. Passus der Rieß er'sehen Ansicht geschmeichelt werden zu wollen, ohne daß man den Muth hat, sich frei zu ihr zu bekennen. Mit innigem Schmerze haben wir den verehrten Namen unseres theueren Freundes in diese Affaire mischen sehen und über das wichtigste Symbol unserer Religion eine Meinung von ihm gelesen, welche sich von der Ansicht unserer großen Mehrzahl ebenso weit entfernt, als die sonstigen hohen Bestrebungen unseres edelsten Vorkämpfers dem Herzen seiner Brüder nahe stehen. Wenn man sich (S. 5) mit dem Propheten des alten Testaments zusammmstellen will, so müssen wir gegen diese Vergleichung feierlich protestiren. Wohl haben die Propheten eine höhere Ansicht von den Opfern ausgesprochen, ohne Zedoch diese aufzuheben; wohl dringen sie überall auf Innerlichkeit und Heiligung, ohne deßhalb die äußerlichen Religionsformen zu zerstören; Jesaja im 58 Kap. sagt nicht, daß man nicht fasten, sondern wie man fasten solle. So mögen uns denn allerdings die Propheten als Leitende Muster dienen, die Werkheiligkeit anzugreifen, den Geist des Gebotes geltend zu machen, ohne deshalb dieses dem damit bekleideten Geiste gewaltsam zu entreißen. Wißt Ihr übrigens für den Geist unserer Religion passendere Formen als die mosaischen, so nennt sie! es würden aber jedenfalls wieder ausschließende sein. Giebt es ein ausschließenderes Gebot als die hier eines besonderen Ruhetags? Für die Verlegung desselben'auf den Sonntag möchte jedoch der alte Jesaja wohl schwerlich stimmen. Höchst nichtssagend, ja lächerlich erscheint es (S. 6), wenn man, verlegen dem Bekenntnisse des Vereines einen Namen zu geben, sagt, daß man an der Entwickelungsfähigkeit des Glaubens festhalte; ein sonderbareres Bekenntniß ist uns in der That noch nicht vorgekommen.' Wer daran sich halten will, dem entschlüpft die Religion wie ein Aal aus den Händen, in tausend Metamorphosen 'ist sie jeben Augenblick und für jeden Einzelnen eine andere und gerade recht geeignet, zur Indifferenz zu führen, weil sie nichts Sicheres, Haltbares darbietet. Wie man sich (S. 7) täuscht, wenn man glaubt, der Jugend durch das fragliche Werk zu dienen, ist bereits oben gezeigt worden. Inwiefern den Frauen ein Dienst erwiesen sei, wenn man ihnen statt gemüthlicher Anschauung ein unfaßbares Etwas gr'ebt, möge dahingestellt sein. Sehr stark aber ist es, wenn auf derselben Seite behaup- . tct wird, die Erklärung des Vereins ließe die positiven Grundlehren des Glaubens unberührt! Dies kann nur von denen gesagt werden-, die überall dem Worte, was sie denn eigentlich für positive Grundlehren des Zudenrhums halten, möglichst auszuweichen suchen. Wie nun dennoch, obgleich man über die wichtigsten Punkte, über Beobachtung oder Nichtbeobachtung auch der biblischen Gebote, und welcher? über fernere Beibehaltung des siebenten Wochentags als Sabbat oder Verlegung desselben, über Aufrechrhaltung oder Abstellung der Beschneidung stillschweigt oder sich unsicher äußert, von einer deutlich bezeichneten Grenze nach außen die Rede sein kann; wie man.sich ferner gegen die Anschuldigung emancipationeller Bestrebungen verwahren und doch dem Staate gegenüber sich als besonders vorwurfsfrei Herausstellen will; wie man zu behaupten vermag, man wolle keine besondere Religionsgemeinschaft oder Sekte bilden, also auch keinen eigenen Gottesdienst haben, und dennoch die Gleichgesinnten auffordert, ihre Kinder und Schützlinge dieser Gesammtheit zuzuführen oder die sachkundigen Religionslehrer überzeugen will, „daß die Wahrheit in Israel eine Gemeinde habe"; endlich wie man sich der Hoffnung hingeben mag, in das Aeußere der Religionsübung erwünschte Aenderungen eintreten zu sehen, was doch wohl nur durch Rabbiner oder Religionslehrer geschehen kann, welche das Vertrauen ihrer Gemeinden nicht verscherzt haben, und dennoch diese, die wahrlich nicht wegen eines oder des anderen Unzufriedenen in ihrem Kreise da sind, sondern der. Gesammtheit willen, nur diese zu leiten und dem Besseren zuzuführen, wie man sage ich, die Rabbinen aufzufordern wagt, eine Erklärung zu unterschreiben und unterschreiben zu lassen, welche ihnen, selbst im Sinne der Vereinsmänner, jede künftige, allgemeine Wirksamkeit abschneiden müßte; dies Alles zeigt und beweist uns aufs Deutlichste, wie unklar und weit weniger durchdacht Alles sei, was der Verein bisher unternommen und geschrieben, als man von den sonst wackeren und tüchtigen Männern hätte erwarten sollen, welche, bald der bald jener, als scheute sich Jeder die Vaterschaft allein zu übernehmen, die Ausschreiben des Vereins unterzeichnet haben. — Indem ich hiermit zugleich für die Ehre öffentlich danke, welche auch mir durch die Einladung zur Unterschrift zugedacht war „ bitte ich die geehrten Herren, dieses als die Antwort auf ihre empfangene Sendung betrachten zu wollen und meine in vorliegender Arbeit geführte, zuweilen bittere Sprache stets auf die Sache, nie auf Personen beziehen zu wollen, die ich schätze und achte und zu Allem tauglich halte, nur nicht zu Reform atore n d es Iud e nth ums. Burgkundstadt, im Oktbr. 1843. Leopold Stein, Rabbiner..