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Der Orient · 1843-11-28 · 48 (28.11.1843) · p. Spalte 763-764

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Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
48 (28.11.1843)
Article
Stimmen und Urtheile über den Frankfurter Reform-Verein
Date
1843-11-28
Page
Spalte 763-764 (sequence 2)
Language
German
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Votum des Rabb. L. Stein über den Fr. Reform-Verein 764 763 denen Ziele strebend, die, wenn auch vielfach geschmähten, doch unermüdlichen Zortbildner des Judenthums zu werden. Wir wollen keiner der zwei extremen Parteien ansschließend angehören, weil wir eben in dem Vorhandensein beider das Mittel gegen Willkür und Einseitigkeit erblicken. Ihr seid ungeduldig, wir voll freudiger Ausdauer; Ihr wollt, was Jahrtausende herangebildet, daß Jahrzehende es umbilden, wir kennen auf dem Gebiete der Religion keine Eisenbahnunternehmungen; -Ihr wollt eine Frühgeburt, und da habt ihr sie, todtgeboren, wir wollen mit Gott ein kräftiges Kind erhalten, das seine Mutter nicht in Lebensgefahr bringe; Ihr wollt die Früchte gerne selbst genießen und könnt die Zeitigung nicht erwarten, wir freuen uns der allmäligreifenden und warten mit herzlicher Liebe des theueren Baumes. Seid Ihr nicht zu Reformatoren geboren, so verschwendet doch nicht Euere Kräfte an Dinge, die Ihr nicht versteht und die Euch nicht Ruhm einbringen. Wendet lieber Eueren Eifer Eueren Gemeinden zu! bildet ein Ferment, um die träge Masse emporzubringen: giebt aber Sauerteig allein schmackhaftes Brod? — Stellet Euere Anforderungen nicht zu hoch, und bedenket, daß auch auf der anderen Seite Israeliten stehen mit Ansprüchen, die berücksichtigt sein wollen und müssen; bildet kernen Verein zur Reform, denn dies ist doch einmal nicht Sache der Laien, sondern für die Reform des Judenthums, und Ihr könnt, wenn es Euch Ernst ist, zu dessen Regenerirung thätig Mitwirken. Immer noch stehen die Rabbiner, welche sich für den Fortschritt ausgesprochen, ziemlich verlassen da; mit der hochmütigsten Geringschätzung scheu unsere Aufgeklärten auf die Bestrebungen der praktischen Reform herab, darüber sind sie ja weit, sehr weit hinaus, so daß wir für alle unsere Mühen von der einen Seite Verfolgung, von der anderen Undank zur Belohnung haben. Lasset ab von diesem Stolze, lernet die wahren Bedürfnisse des Volkes kennen und für dieselben sorgen, D3**P3 v» ri/^V und d ie Sache Gottes kann auch durch Euere Mithilfe gefördert werden. Und Ihr, theuere Glaubensgenossen, die Ihr von dem hier beleuchteten Beginnen einer.kleinen Partei theils mit Beifall, theils mit Unwillen, theils mit Verwunderung vernommen habet, möchtet Ihr alle daraus die Lehre entnehmen, daß alle extravaganten Mittel, von welcher Partei sie entweder im Interesse der Stabilität oder des Fortschrittes mögen ergriffen werden, nimmer zum Ziele führen. Allerdings liegt in den beleuchteten drei Motiven, welche eine Reform dringend wünschen lassen, viel Wahrheit, und keiner von uns soll sich Ruhe gönnen, sondern den besprochenen Uebelständen nach Kräften, mit der Daransetzung seines ganzen Lebens abzuhelfen suchen; denn allerdings ist unser jetziger Zustand ein höchst schmerzlicher, kritischer; doch wir werden, wenn wir unsere Kraft zusammen nehmenauch diesen Zustand glücklich überwinden. Möchten daher besonders unsere Brüder von der. alten Partei und ganz vorzüglich ihre geistlichen Führer endlich die Augen für die Bedürfnisse der Gegenwart öffnen und sehen, daß auf ihrem hartnäckig verfolgten Wege der Zwiespalt immer größer werden müsse; die große Menge dissentirender Glaubensbrüder, die dringende Stimme der Zeit, das Interesse der Religion, Feinde von innen und aussen treiben zur That, legt die Hände in den Schooß oder gebraucht sie, um jeder Reform entgegenzuarbeiten, und Ihr werdet, im Vereine mit jenen ungeduldigen Bewegungsmännern, den Ruin des heiligen Gebäudes herbeiführen, dem Jene auch seine guten Stützen entziehen, dem Ihr auch die morschgewordenen erhalten wollet. Lasset uns dem Hause seine guten Stützen erhalten, denn die kann es in einer stürmischen Zeit recht gut brauchen; lasset uns die schwachen, unbrauchbaren mit starken vertauschen, damit der sich neigende Bau nicht stürze: wir haben den Riß nicht geschaffen, aber ihn zu heilen, dies ist unsere gemeinsame Pflicht. Nachtrag. Wenn schon die drei Satze einen öffentlichen Tadel rechtfertigen, so wird dieser durch das Programm des Vereins noch mehr motivirt. Bereits auf dem ersten Blatte (S. 3) erfahren wir, daß die Stifter des Vereins eine eigentliche göttliche Offenbarung, d. h. eine Jnfluirung des außerweltlichen Gottes auf die Menschen zur Kundmachung göttlicher Dinge, nicht bekennen. Den Mosaismus hatten sie „für das Höchste, wozu der denkende Geist bei jenen Urvölkern sich emporschwingen konnte", also nicht für das absolut Höchste, wofür ihn der gläubige Jude, als eine Stiftung dessen, der ewig ist und sich nicht ändert, stets gehalten hat; „er war (nur) eine höhere Offenbarung dieses (des denkenden) Geistes selbst", also nicht des höchsten Geistes.; eine höhere Offenbarung des denkenden Menschengeistes aber waren auch alle Schöpfungen der heidnischen Philosophen und Dichter z höher, als diese stünde demnach der Mosaismus nicht. Diese Ansicht wird noch naher entwickelt, indem es gleich darauf heißt: zu verschiedenen Zeiten (also auch in der nachbiblischen) haben der jüdischen Religionsgemeinschaft Männer angehört, die Propheten für die Menschheit wurden; es ist demzufolge, wenn unter „geoffenbarter Religion" blos „eine höhere Offenbarung des denkenden Geistes" zu verstehen ist, auch Spinoza unter die Propheten aufzunehmen. — Unter den Ceremonialgesetzen werden (S. 4) auch solche klassisicirt, „welche symbolische Einkleidungen religiöser Ideen waren"; warum aber sollten diese nicht auch „abgetrennt von Staat und Hierarchie einen Einfluß auf das sittliche Leben haben können? die Feier des Versöhnungstages z. B. war zu den Zeiten des Tempels eine ganz andere als jetzt, wer aber möchte servil sein, derselben in unserer Zeit ihren heiligenden Einfluß abzusprechen? Der Mosaismus bedarf . auch jetzt noch, wie jede Religion, gewisser ausschließender Formen; diese sind es, welche besonders unserem, jede bildliche Darstellung zur gottesdienstlichen Verehrung streng un-

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