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Der Orient · 1843-11-28 · 48 (28.11.1843) · p. Spalte 755-756

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Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
48 (28.11.1843)
Article
Argumente gegen die allgemein angenommen Meinung,
Date
1843-11-28
Page
Spalte 755-756 (sequence 2)
Language
German
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755 Der jerusal. und babyl. Talmud. 756 Nun warum haben uns die Rabbinen jenes Heer von Erschwerungen aus dem Jerusch, aufgetischt, ist dies nicht mehr als rhöricht? — Lange suchten wir nun vergebens einen Ausgang aus diesem Labyrinth , bis es uns endlich Aar geworden, daß die Redaktion des bab. Talmuds den Jerusch, nicht vor sich gehabt hatte. Hiernach ist uns die Nichtberücksichtigung oder vielmehr Unbekanntschaft der altern Gconün mir dem Jerusch, leicht erklärlich. Die Geonim verbanden bekanntlich mit großen Einkünften eine bedeutende, und von den Negierungen in Ehren gehaltene religiös-richterliche Macht; sie beschäftigten sich auch viel mit der Philosophie und andern Wissenschaften, die ein edles Selbstgefühl in ihnen weckten und unterhielten.. Der Talmud, dessen Abschluß wohl nicht förmlich, sondern nur durch eine unterbrochene Thätigkeit der Schulen geschaht), war ihnen noch nicht zum eisernen Joch geworden, sondern sie betrachteten ihn wohl nur als eine ehrwürdige und zum Theil auch bindende Materialien sammlung, in der sie alles Pilpulische und Unpraktische auf sich beruhen ließen und nur die Schluß-Halacha berücksichtigten^). Daher findet sich von den meisten derselben fast gar Nichts von Erklärungen oder Abhandlungen über den Talmud. Bei solchen Bewandniffen konnten sie sich um so weniger, veranlaßt finden, den weniger umfassenden und den babylonischen Verhältnissen nicht angevaßten Jerusch, in ihren Studienkreis zu ziehen, als er auf den bab. Talmud keinen Einfluß geübt und daher zu dessen Verständniß nicht nöthig war, sie aber in die rabbiuische Thorheit nicht verfallen mochten, sich zwei unabhängigen Autoritäten zu unterwerfen. Als aber der äußere Druck immer schwerer und die Gottesflamme der Erkenntniß immer mehr gedämpft wurde, und nur noch einzelne Funken hie und da glommen, welche die dichte Finsternißnoch schauerlicher machten, wurde auch das Herz zusammengeengt und alles Selbstgefühl erdrückt. Eine gespensterhaste Furcht befiel alle Herzen, man wagte keinen Schritt ohne Leitung der Altvordern, die im Vergleiche der eigenen Obskurität wie Serafim erschienen. Beim Mangel anderer Studien, begnügte man sich nicht mehr mit der bloßen Schluß-Halacha, sondern zog auch das Unpraktische und Pilpulische herbei, das aber durch die frühere Vernachlässigung viele Schwierigkeiten und Dunkelheiten darbot, zu deren Aufhellung und Beseitigung man nun den Jernsch. benutzte. Als diese Methode allgemeiner wurde, überschritt sie das gehörige Maaß, und ging endlich in das Streben über, beide Talmude wo .möglich, mit Gewalt zu vereinigen, wodurch denn häufig an sich klare Stellen verdunkelt 3) Dies werden wir in einer besondere Abhandlung „über den Talmud und dessen Redaktion" wahrscheinlich zu machen Gelegenheit nehmen. 4) Beim späten: Wiederaufblühen der Wissenschaft versuchte es der große Maimonides die talmudische Dialektik abermals zu verdrängen, aber die Autorität des Talmuds war schon allzusehr begründet. Und man weiß, daß sein Unternehmen die Verwirrung nur noch vergrößerte. wurden. Hierdurch gewann der Jer. einen indirekten legislativen Einfluß, der immer größer wurde und zuletzt in eine selbstständige Erschwerungsgewalt auslief. Nachdem die Er sch w e run g s su ch t bereits den höchsten Grad ^erreicht hatte, und die Rabbinen sich nunmehr ausschließlich auf den Pilpul verlegten, wurde wieder der Jerusch, verdrängt, und diese Rabbinen, die sich so gern Geonim titulirt sehen, haben mit diesen allerdings das Eine gemein, daß sie vom Jerusch. Nichts wissen. Erst in neuester Zeit, wo die jüdische Wissenschaft nach innerem Bewußtsein ringt, sing man wieder an, den Jerusch, zu studiren, und es wäre wohl gerathen, ihn in seine Rechte einzusetzen. Er verdient nicht nur dem bab. Talmud nicht nachgesetzt, sondern sogar vorgezogen zu werden, sowohl wegen seiner Priorität, als wegen seiner gesündern Logik und der vielen Interpellationen und Verfälschungen, die der bab. Talmud erfahren, wie wir in der oben erwähnten Abhandlung ausführlich zeigen und auch im Verlaufe dieser mehre Beispiele sich darbieten werden. — In der innersten Überzeugung von der hohen Wichtigkeit einer solchen Einsetzung des Jer. in seine Rechte, unternehmen wir nun, die einzige Meinung, die etwa entgegenstehen könnte, nämlich die der Vorlage des Jerusch, vor der Redaktion des bab. Talmud, durch viele unwiderlegliche Beweise vollends zu vernichten. Zu diesem Behufe werden wir mehre Traktate beider Talmude durchnehmen, werden aber auch gelegentlich anderweitige kritische Bemerkungen anknüpfen, die für die geehrten Leser nicht uninteressant sein dürften. Auf Verlangen sind wir bereit, die Beweise durch den ganzen Talmud durchzuführen. Die hierher einschlägigen Vermuthungen des Herrn Rapaport im Kerem Chemed und den Jrrthum des Hrn. H. Chajes in Zion werden wir seines Orts beleuchten. Wir wollen nun noch eine Bemerkung voran schicken, auf die sich mehre Beweise gründen werden. In fast jedem Talmudfolio zeigt sich eine außerordentliche Aengstlichkeit in Angabe der Urheber und Ueberlieferer von Aussprüchen und Erklärungen, und es werden nicht nur häufig acht und mehre Gelehrte aufgeführt, die jeder im Namen des andern irgend einen unbedeutenden Satz tradiren, (vgl. z. B. Nedarim 6 b), sondern es kommen auch sehr oft 4—5 verschiedene Angaben mit der Formel: n*? 'HDfcO re. vor; ja, es wird öfter in ganz gleichgültigen Fällen darüber diskutirt, ob dieser oder jener Gelehrte den betreffenden Satz im Namen des Andern gegeben habe (z. B. Jebamot 65 d). Im Jalkut Simeoni zu Deut. 19. p. 921 heißt es ausdrücklich, daß, wer die Namen der Gelehrten verwechselt, das Verbot Deut. 19, 14 Übertritt. (Fortsetzung folgt.)

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