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Der Orient · 1843-11-28 · Heft 48 (28.11.1843) · p. Seite 383

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 48 (28.11.1843)
Article
Brody: Gemeindewesen und Unwesen
Date
1843-11-28
Page
Seite 383 (sequence 2)
Language
German
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383 der OeffmtliclMt nicht angehört, unsere' Hoffnung rege machen, daß sie die end- und zahllosen Misbräuche, welche in unsere Gemeinde eingerissen, das nichtswürdige und verwünschungswerthe FaulheiLssystem, das die Gemeindelritung beherrscht, das gemeine und schmutzige Bestechungswesen, von welchem höchstens mancher unserer Neichen frei ist, abschaffen werden. — Damit aber unser junger Vorstand nicht glaube, daß unsere Wünsche und Hoffnungen so ins Blaue hinein ausgesprochen sind, ohne daß wir etwas Bestimmtes dabei denken, erlauben wir uns (ich sage „wir," weil ich im Namen Vieler der Gemeinde spreche) vorläufig zwei Misbräuche zu erwähnen , deren Abstellung und Wegräumung wir von dem Vorstande recht bald erwarten. — In unserer jüdischen Gemeinde besteht eine Steuer, die „Simpel" genannt wird; das Vorstands-Kollegium und die Ausschußmänmr departiren nämlich eine gewisse Summe auf die Gemeinde-Glieder in, Ansehung und Abschätzung ihres Vermögens, und von vieser durch diese Auflage gewonnenen Summe werden die strikten Gemeinde-Kosten d. h. die Besoldung des Rabbiner, des Maggrd, der Gemeindediener, des Kontroleurs u. s. w. bestritten. Diese uralte und im Ganzen sehr zweckmassige Steuer ist aber, durch die Nachlässigkeit des Vorstandes, durch Misbräuche in der Departirung und durch unverzeihliche Verkennung des Zweckes, zu einer Quelle von Lug und Trug, zu einer Last herabgesunken. Die Fahrlässigkeit des Vorstandes sammt seinen Auöschussmä'nnern hat die Vertheilung auf die Individuen dem Willen des Kontroleurs überlasten, der in der Thcrt dabei unschuldig ist, weil sonst Keiner sich der Sache annimmt. Durch die Gevatterschaften jenes Kollegiums gehen die Vorsteher und ihre Angehörigen frei aus, und selbst der Zweck jener Steuer, die Gemeindebeamten zu bezahlen, wird so schlecht im Auge behalten, dass nur zu oft jene ihren kärglichen Sold von den Individuen einzufordern sich genöthigt sehen. Wie oft haben wir nicht Gemeinde-Beamte den „Simpel" auf eigene Faust einkassiren und quittirm sehen, weil sie sonst durch den Vorstand zu ihrem Sold nicht kommen können! „Findet denn nicht alljährlich eine Abrechnung statt?" sehe ich die geehrten Leser dieses Blattes fragen. Nein. Rechnungsablage scheint in unserer auf ihren Geist und auf ihre Bildung so stolzen Gemeinde eine unbekannte Größe zu sein; diese kleinliche Ordnung, diese Pedanterie, alljährlich von der Einnahme und Ausgabe dev Simpel-Steuer eine, sammtliche Gemeinde-Glieder befriedigende Abrechnung zu geben, überläßt man wohl Lemberg, das weit tiefer in seiner Kultur steht. Doch wir wollen nun so sein, wie die Lemberger; von dem halb neuen und halb alten Vorstand fordern wir, daß sie alljährlich diese Steuer zur Einsich? aller Kontribuenten berechnen mögen, damit wir die Uneigennützigkeit unserer lieben Vorsteher rühmen können, und damit wir wissen, wie reichlich die ominöse Sieben sammt ihrem zahlreichen Anhänge zu den Gemeindelasten gesteuert und wie die Gaben der Einzelnen verwendet worden sind. — Noch trauriger sieht es aus mit den Hospital-Beiträgen, in dem Sündenregister unseres lieben Vorstandes die zweite Kardinalsünde. In Lemberg sind die Hospital-Beiträge nur freiwillige Geschenke von Gemeindegliedern, ohne daß der Polizei die Macht gegeben worden, selbige durch Exekution einzufordern; bei Hochzeits- und Beschneidungsfesten, wie überhaupt bei fröhlichen und unfröhlichen Gesellschaften fließen die freien Gaben reichlich, denn der wahre mildrhätige Sinn wohnt nur in der Freiheit, und die alljährliche Rechnungsablage über Einnahme und Ausgabe ist für jeden Geber eine Bürgschaft, daß seine Gaben gut verwendet worden sind. Was aber für die mindergebildeten Lemberger passend und schön ist, scheint unfern stolzen Brodyern nicht zu munden; unser Vorstand scheint von dem Grundsätze auszugehen, daß man gerade zu Wohlthaten gezwungen werden, hingegen die nöthigen Gaben dem Willen eines jeden Einzelnen überlassen bleiben müssen. Ueber die H o sp i tal - B e itr äg e werden Listen in das Kreisamt gegeben, und vermittelst derselben werden dann die Beiträge polizeilich und exeeutivisch einkassirt; von freiwilligen Beiträgen, die gewiss reichlicher ausgefallen wären, ist keine Rede, und man kann es den Individuen nicht verargen, wenn sie bei Hochzeiten und dergleichen Festen Nichts spenden. Aber selbst diese wahrhafte Abdera-Einrichtung wäre noch zu ertragen, wenn nur. ein Schatten von Gewissenhaftigkeit bei der Verwaltung desselben sichtbar wäre! Die' Listen, worin jedes Mitglied zu einem nicht unansehnlichen Beitrag gezwungeu wird, scheinen Händen überlassen zu sein, die nicht gerade von Billigkeit und Gewissenhaftigkeit geleitet werden; die mittlere und arme Klasse scheint ausschließlich belastet zu sein, und wenn je ein Reicher in deren Mitte erscheint, so möchte man es als Irrthum bezeichnen, durch die Nachlässigkeit des Vorstandes entstanden. Fast könnte man behaupten, daß der Vorstand und seine Angehörigen von dieser Abgabe gar Nichts wissen. Daß auch bei diesen sehr reichlichen Beiträgen von einer Abrechnung nicht die Rede ist, kann der Leser sich sehr leicht denken; unsere Spitalväter, die Herren Meyer Kallier und Iossele Davidsohn, sind ja auch bei uns als die schönsten Muster der Uneigennützigkeit bekannt. Dennoch ist §s unser entschiedenstes Verlangen, daß der nun aus Alt- und Neuzeit zusammengesetzte Vorstand auch hierin Lemberg zum Muster nehmen möge, oder wenigstens dahin streben, dass wir alljährlich eine genaue Nechnungsablage über Einnahme und Ausgabe erhalten. Ueberhaupt sollten die lieben Spitalväter einmal veröffentlichen, wie stark der Fond des Hospitals sei, damit auch jeder Einzelne ermessen kann, wie nothwendig die Beiträge seien; eben so sollte eine Bestimmung über das N a t h a n s o h n' sche Legat für unser Hospital getroffen werden, damit nicht jenes Legat, wie es leider jetzt der Fall ist, für dasselbe ohne Nutzen ausfällt. Es ist schmachvoll für den Brodyer Vorstand, daß er bis jetzt die Nathansohn'schen Bestimmungen, blos um den Dr. Gold-

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