Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 47 (21.11.1843)
- Article
- Stimmen und Urtheile über den Frankfurter Reform-Verein
- Date
- 1843-11-21
- Page
- Spalte 741-742 (sequence 1)
- Language
- German
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741 Votum des Rabb. L. Stein über den Fr. Reform-Verein. 742 Stimmen und Urtheiie über den Frankfurter Reform-Verein. I. Der Frankfurter Reform-Verein, vom Standpunkte des fortschreitenden Rabbinismus beleuchtet von Leopold Stein. (Fortsetzung.) Und wenn dieser Feind, der eingefleischte Judenhaß, nur durch Reformbestrebungen zu überwinden wäre, nein! der Böse macht alle unsere taktischen Bewegungen mit, wie wir ihn von Einer Höhe glücklich meinen geworfen zu haben, schnell hat er eine andere gewonnen, um von dort sein Geschütz auf uns zu richten. Ihr werdet keinen Pardon erhallen. Der echtchristliche Judenfeind har am wenigsten Freude, wenn Juden und Judenthum sich äußerlich heben, innerlich veredeln; ihm ist das packtragende Judenthum weit lieber, als das die Börse beherrschende Israel, die alte Jude nschule weit angenehmer, als die renovirte Synagoge, eine Derascha, welche er belachen kann, viel willkommner, als die jüd. Predigt r bie vielleicht mit der christlichen in die Schranken tritt: wo sein Spott aushört, fängt sein Haß an. Er wittert überall Neolcgie und schaalen Deismus; der Eigennutz und die schnuppernde Misgunst heißen ihn bei der leisesten Bewegung in unserer Mitte für die eigene Religion sorgen und das neue Judenthum als einen Heerd rationeller Ideen bekämpfen oder verdammen. Ein solcher wird Eueren Verein zuerst ans Kreutz schlagen, außer er müßte in ihm ein Uebergangsmoment, wenn auch nur zum Scheknchristenthum, begrüßen. — Der Judenfeind aber von entgegengesetztem Gelichter, der, alle positive Religion verworfen habend, dem Judenthum und ChristenthiR^gleich gram ist, vor Bruno Bauer*) und Konsorten werdet Ihr nicht Gnade finden, und wenn ihr zehnmal uicht beschnitten wäret: so lange der Name Jude an Euch haftet, wird ihre secirende Kritik an Euch noch etwas zu beschneiden haben. Diese Herren geb^n nicht Ruhe, bis wir alle unter den Einen Hut des Nihilismus werden gebracht sein. „Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri! „Ausrichten wird man ihn auf hoher Säule, „Man soll ihn mit gebog'nem Knie und mit „Entblöstem Haupt verehren" — *) Und doch glauben wir, und es war dies von Anfang unser Urtheil, als wir die erste Erlärung unserer Reformer mit der Judenfrage von B. B. zusammenhielten, daß diese Schrift die Hebamme des Vereins gewesen sei. y» d. V. Ruft ihr dagegen: . „Die Reverenz zu machen einem Hut, „Es ist doch Lrau'n! ein narrischer Beseht;" das hilft Euch nichts; Ihr müßt dem leeren Hute der neuen Philosophie Eueren Respekt bezeigen, sonst seid Ihr als Hochverräther dem Jnquisitionsgerichte der Kritik verfallen. — War Kaiser Nero nicht auch ein großer Kritiker? Nichts konnten ihm seine Römer zu Willen thun, er wünschte ihnen allen einen Kopf, um ihnen auf-einmal den Garaus zu machen. Also sind diese Neronen der neueren Kritik, welche die bestehende Welt mit Lachen würden in Feuer aufgehen sehen, auf alle positiven Religionen erbittert, daß sie sie alle unter Einen Hut bringen möchten, um ihr Scharfrichteramt an allen zugleich auszuüben. In ihr Reich einzugehen, müßt ihr, mit B. Bauer zu reden, die letzte konsequente Inkonsequenz aufgeben, ihr müßt nicht sagen, wir wollen die äußerlichen Religionsformen abthun und innerlich doch noch Religion haben, ihr müßt nicht das reine Judenthum, sondern die reine Vernunft auf den Altar stellen. Ihr seht also, der Judenhaß läßt uns keine dritte Wahl, wir müssen entweder uns zur Gottmensch-Religion bekennen, d. i. Christen werden, oder zur Menschgott-Religion schwören, d. h. den uns streitig gemachten Spinoza als unser köstlichstes Eigenthum requiren und in der Geltendmachung des Pantheismus unsere Missionen glorreich vollenden. Für den Monotheismus unser Herzblut wie bisher darbietend,, sind wir beiden Parteien ein Dorn im Äuge, ein Stachel in ihrer Seite und schüren wir mit unserem 'Eifer nur das Feuer an, womit sie statt der rostiggewordenen neue Ketten für uns schmieden möchten. Freilich, es giebt auch Christen, und ihre Anzahl ist Gottlob im Steigen begriffen, die uns mit Freuden die brüderliche Hand bieten, um unser Fortkommen zu fördern, die uns Beifall zurusen und es als einen Gewinn für die Menschheit froh betrachten, wenn wir einen Schritt vorwärts gethan haben auf unserem mühsamen, mit Dornen noch so reichlich belegten Pfade: aber hört ihr aus dem Munde dieser echten Menschenfreunde jemals die kränkende Bedingniß, daß unsere bürgerliche Gleichstellung an das Aufgeben religiöser Satzungen zu knüpfen sei? Treiben sie jene falsche Laschenspielerei mit dem Talmud, welcher dem echten Judenfeinde zur willkommenen Bemäntelung seines lichtscheuen Egoismus dient? Leset nur die erhebenden Verhandlungen des rheinischen Provinziatlandtags, die, was ihr Erfolg sein mag, ewig als ein leuchtendes Blatt im Buche unserer oft so düsteren Geschichte glänzen werden, und sehet, wie aufrichtige Freunde ihrer Religion, eifrige Katholiken für die berechtigte Gleichstellung ihrer jüd. Mitbrüder erglüht sind, ohne Ausnahme, ohne Bedingniß, ohne Verklauselung, ganz wünschen sie die Freiheit für uns, da nur die ganze vollen Werth hat und keinen Stachel unverdienter Zurücksetzung in der Brust zurückläßt. Auf das Urtheil solcher Männer lasset uns lauschen; ihre Anzahl lasset uns durch aufrichtiges Vor- 47 *