Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-11-07 · Heft 45 (7.11.1843) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 45 (7.11.1843)
Article
Die Juden in Italien
Date
1843-11-07
Page
Seite 360 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360302-2370860--4093-2370886
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

360 hundert ab in Salerno ein besonderes Stadtviertel gehabt, das Judaia oder Iudaica genannt wurde, woraus die Italiener aber späterhin Giudeca und zuletzt Ghetto ge- < macht hätten. So auf einem Fleck vereint, waren die Juden in den Städten, wo man sich an ihnen nicht vergreifen durste, all.rdings sichrer daran, als wenn sie vereinzelt gewohnt hätten; nur waren ihre Straßen zu Rom, zuAncona und in^ anderen Orten, die engsten, die schmutzigsten, die ungesundesten. Mt Sonnenuntergang werden noch heutigen Tages die Pforten des Ghetto geschlossen, und wehe dem Juden, der sich verspätet hatte! Wenn ein Feuer ausbrach, mochten die Juden sehen, wie sich helfen. Ein Autor hat die Ghettos mit den Bagno's verglichen, und das nicht mit Unrecht, denn den Juden dort hängen eine Menge unmenschlicher, gehässiger Edikte aus vergangenen Zeiten, gleich schweren Fesseln an. Pius V. war Großinquisitor gewesen, ehe ihm die Tiara zusiel, und wurde von den Christen selber der geistliche Tyrann genannt. Als Papst war es sein Erstes, mehrere derjenigen verbrennen zu lassen, die ihm während seines Jnquisitoriats entschlüpft waren. Was stand nicht Alles von ihm gegen die Juden zu erwarten: Er beschuldigte sie der gröbsten Verbrechen, der Räuberei, der Gotteslästerung, des Diebstahls, des Wuchers, der'Zauberei, der Liederlichkeit. Es war zu Rom ein Seminar errichtet worden, wozu die Juden die Kosten hergeben mußten, auch erhielten sie den Befehl, ihre liegenden Gründe in einer bestimmten Frist §u, verkaufen, widrigenfalls dieselben zürn Westen des Seminars und des Leihhauses konsiscirt werden sollten. Endlich jagte er sie im Jahr 1569 ganz aus dem Lande fort. Gregorius XIII. rief sie nach mehreren Städten zurück, unterwarf sie aber dem Jnquisitionsgerichte, und verbot den jüdischen Aerzten die Behandlung christlicher Kranken; auch mußten sie wöchentlich einmal einer Predigt beiwohnen, um sie für die Bekehrung geneigt zu machen. Dieser Papst war es auch, der die Bartholomäusnacht durch ein prachtvolles Fest feierte. Sixtus V. milderte einige der Maaßregeln seines Verwesers. Es wurde den Juden der Wiedereintritt in den Städten, wo sie noch ausgeschlossen waren, gestattet, sie mußten dafür aber ansehnliche Summen entrichten. Nach dem italienischen Geschichtschreiber Leti hatte er den Grundsatz, „man müsse ihnen das Beispiel der Gerechtigkeit geben, aber ihren Beutel könne man fegen.^ Im Jahr 1605 machten sich mehrere jüdische Prediger in Italien bemerkbar. Die Reden, welche Judas Azael zu Ferrara hielt, fanden solchen Beifall, daß sich selbst die Christen dazu drängten. Dieser, für jene Zeiten so merkwürdige Fall hat sich auch in unfern Tagen in der österreichischen Kaiserstadt erneuert, indem die Christen zu Wien in Menge zu den Vorträgen des berühmten Rabbiners Mannheimer Hinströmen. Jnnocenz XIII. bewies sich tolerant und human gegen die Juden. Als der venetianische General Marozini, gegen das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, siegreich aus Morea heimkehrte, brachte er eine Menge Christen und Juden mit herüber. Die Ersteren gab er frei, die Letzeren aber wollte er zu Sklaven machen; aber der Papst verwandte sich für ihre Freilassung, die er auch erhielt. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts lebten viele Juden ln dem Kirchenstaate. Zu Rom hatten sie neun Synagogen und es scheint, daß die dortigen Israeliten eine Art von Autorität über die Juden in den anderen Theilen von Italien ausübten. Gegen das Jahr 1760 gab ihnen Carl, König von Neapel, auch die Erlaubnis zur Rückkunft und der freien Ausübung ihres Kultus in seinem Staaten jedoch nur auf fünfzig Jahre. Endlich erfolgte die Eroberung Italiens durch Frankreich und nun verschwand das alte Regime. Die Israeliten wurden den anderen Bewohnern gleichgestellt, und man hat nicht gehört, daß sie sich dieser Wohlthat unwürdig bewiesen hätten. Im Jahr 1807 wurden sie in der Versammlung des großen Sanhedrin repräsentirt, den Napoleon nach Paris berufen hatte. Die für den israelitischen Kultus in Frankreich angeordnete Organisation wurde dann auch über Italien ausgedehnt. Als Italien aber durch den Sturz des französischen Kaiserreichs wieder auf seinen früheren Grunglagen konstitutuict wurde, da büßten die Juden ihre Eigenschaft als Bürger und alle damit verknüpften Garantien wieder ein. Sie kamen wieder unter die wirre, sich widersprechende und antisocielle Legislatur, die seit den fernsten Zeiten so oft ihr Schimpf und ihre Verzweiflung gewesen war. Während sie alle Steuern, alle Lasten tragen mußten, waren sie mit Ausnahme des Handels neuerdings von allem andern ausgeschlossen. Sie dürfen selbst nicht einmal die Universitäten besuchen. Wie es augenblicklich um die Juden in Italien steht, davon zeugt unter Anderm folgender Fall. Ein reicher israelitischer Bankier zu Ancona, der seinen Kindern eine ausgezeichnete Erziehung zu geben wünschte, hatte sich eine französische Gouvernante aus Paris kommen lassen. Als sie ihre Stelle einige Monate bekleidet hatte, wurde sie vor das heilige Officium gefordert, und ihr angedeutet, es könne nicht geduldet werden, daß eine Christinwenn auch Französin, einem Juden dienen. Sie kehrte sich an diese Mahnung nicht, erhielt aber im April dieses Jahres von der Inquisition die Anzeige, daß, wenn sie nicht innerhalb vier und zwanzig Stunden das jüdische Haus verließe, man sie mit Gewalt daraus entfernen würde. Nun mußte sie sich fügen, und ist auch bereits nach Paris zurückgekehrt. Verlag von C. L. F r i tz s ch e. Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.