Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1843)
- Article
- Der Frankfurter Reform-Verein
- Date
- 1843-10-31
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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350 des Judentums kann sich nur innerhalb des Talmuds bewegen , und muß sich beschränken auf ein ruhiges allmäligeö Aufgeben der Zaune, die zu ihrer Zeit als unumgänglich nothwendig zur Erhaltung des Ganzen waren, in der unsrigen aber Modifikationen zulasten; denn nur frischgepflanzte Bäume bedürfen der Stützen und Schutzpfähle, die alte erhabene Ceder Libanons aber wird sich aufrecht und unerschüttert erhalten, trotz der Stürme, heraufbeschworen vom Geiste des Irrwahns und der Verirrung. So begreifen wir eine Reform des Judentums; unseren Refo.rmfteunden aber konnte die strenge Aufrechthaltung der positiven mosaischen Gesetze, in ihren ernsten, strengen Konsequenzen, nicht genügen; sie wollen sich durchaus rechtlich von allen Fesseln, von allen Entbehrungen, die die mos. Religion dem Israeliten, als Träger der göttlichen Offenbarungslehre auflegt, befreien, und dazu bedarf es einer gänzlichen Lossagung allerpositiven Bestandtheile des Mosaismus. Entbehrungen, sagt aber der rationelle Paulus, die die Religion wirklich zur Pflicht macht, müssen ohne Widerstreben ertragen werden. — Da man nun nicht Nachweisen konnte, daß so manche religiöse Beschränkungen nicht im Mosaismus begründet seien, man sich aber derselben dennoch nicht unterwerfen wollte, so mußten sich unsere Reformfreunde nothwendig in Widersprüche verwickeln, sich durchzuwinden suchen, und ihre Zwecke und Motive unter allgemeinen, nichtssagenden Phrasen verbergen. Menndiese Herren offen und rückhaltslos ihre ungeheuchelte Gesinnung hätten darlegen wollen, wie sie zu behaupten so voreilig waren, so hätten sie die Zwecke des Vereins, wie solche Hr. Dr. Stern in seinem Memoir dargelegt, und das von Di-. Creizenach eige nh andig als solche bezeichnet war, nicht ftjr seine Pr iv a t mei n u n g ausgeben dürfen. Der vorgebrachte Entschuldigen gsgr und, daß die Geschichte aller Religionen in ihren Uranfängen auf Täuschung beruhe, ist dem Zwecke der Reform würdig, und wir wollen ihnen d Lesen Ausweg als Rückzug unbestritten überlassen. — Nach diesen einleitenden Worten erlaube man mir, auf die gedruckten Sachen hinzuweisen, die ich zwar frühzeitig genug mit meinen Anmerkungen begleitet für den Orient eingesanbt, aber deren Abdruck vor dem Anlangen meiner Sendung anticipirt wurde. Wir beschranken uns vorläufig auf einzelne Bemerkungen, die wir hier nur als Noten geben, und erwarten übrigens von den Nabbinen ein freies Urtheil, in wie weit die Mitglieder dieses Vereins noch dem Iudenthum an gehören. Wir haben bereits von Vielen gutachtliche Berichte gelesen, in denen der Verein geradezu als außerhalb des Iudenthums stehend angesehen wird. Ich beschränke mich aber hier vorläufig auf einige Bemerkungen gegen die gedruckten Sachen, die ich hier, auf diese Sachen verweisend, auszüglich aus meiner damaligen Mittheilung zusammenstelle, und in diesem Falle muß ich die geehrten Leser ergebenst bitten, zuerst das gedruckte Programm vorzunehmen, auf welches ich verweisen Zu Seite 3 Zeile 2: Diese Geschichtswahrheir berechtigt uns zu der Erwartung, daß der Mosaismus auch ferner siegreich aus dem Kampfe, den Unvernunft und Halbheit ihm liefern wollen, hervorgehen werde. Zu S. 3 Z. 16: Wie ist aus den Vordersätzen die Bildungsfähigkeit des mosaischen Glaubens zu erweisen? Ist etwa der reine Gottesglaube, das Ergebniß der höhern Offenbarung, von den Zeitverhältniffen abhängig? Dies könnte höchstens von den Formen des Glaubens gesagt werden, die der Vers, aber gewiß nicht mit dem Glauben im Allgemeinen identisiciren wollte. Zu S. 3 Z- 18: Wir maßen uns keineswegs an, zu behaupten, daß bei Männern, wie Spinoza, auf den hier doch angcspielt wird, der mosaische Ausgangspunkt die Ursache war, daß er der Vater einer Philosophie wurde, die noch jetzt viele Jünger zählt. Als er seinen I'iuot. Theol. schrieb, stand er dem Iudenthum nicht näher als dem Christenthum. Zu S. 4 Z. 14 : Aber gerade zur Erhaltung dieser Wahrheiten bedurfte der Mosaismus der ceremoniellen Formen, wie der Kern der Schale. Ohne das liturgische und asketische Außenwerk, in dem sich der Gottesgedanke scharf und prägnant ausprägte, hätte sich der Mosaismus, nach dem Verlust seiner politischen Macht, nicht erhalten können. Hält man aber in dem allgemeinen Menschheitsbund, der Mauererei, so viele und so manche alberne Symbole und Formen nicht eben so ernstwichtig und heilig, wie der zu Grunde liegende Gedanke? Sehen nicht viele auch hier die äußere Schale für den Kern an, und legen jenen nichtssagenden Formen einen selbstständigen, vom inwohnenden Gedanken unabhängigen Zweck bei? Zu S. 4 Z. 28: Das Iudenthum hat durchaus weder eine Glaubenslehre noch eine Form, die der Vernunft entgegen ist, wohl aber manche Gebote, für die die Vernunft keinen bestimmten Grund anzugeben vermag. Das Anstandsgefühl kann - aber nur durch eine ganz besondere Reizbarkeit, die vielleicht nur der Verfasser besitzen mag, von irgend einem Gebote verletzt werden. Eben so wenig ist das Ritualgesetz mit der fortgeschrittenen Kultur im Widerspruche, die keineswegs ein gänzliches Aufgeben der biblischen Gesetze erheischt; sie fordert höchstens, daß das allgemein Menschheitliche im Iudenthum durchdringe; daß die feindseligen Elemente,. die ein früherer Druck hervorgerufen, ausgeschieden werden, und hierin hat das Iudenthum seinerseits schon längst die Initiative ergriffen. Zu S. 5 Z. 1: Der der Reformverein beizuzählen ist. Z. S. 5 Z. 2: Zu allen Zeiten gab es„E i se nm en ge r." Schon Iosephus hatte das Iudenthum gegen Verdächtigungen zu vertheidigen, die selbst bei der fortgeschrittenen Kultur unserer Zeit nicht zum Schweigen zu bringen sind. Aber deswegen die Wahrheit der Lüge zu opfern, ist die niedrigste Feigheit.