Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1843)
- Article
- Hamburg : Wochenbericht [Nachricht]
- Date
- 1843-10-31
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
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346 selbst nahm Rabbiner Dr. Meise! aus Stettin durch eine Predigt, der Musikdirektor Reichardt durch ein Gesangarrangement, Dr. Weyl-Liew durch humoristische Vortrage Theil; die Vorsteher und der Rabbinatsverwalter grcttulirten dem Jubilar. — Eine, Bruno Bauers Iudenfrage gebührend widerlegende Recension (v. H. S.) enthält der Telegraph. Die Europa von Lewald enthielt in einer der letzten Lieferungen ein hochpoetisches Gedicht an den Frankfurter Reformverein vom Freih. von Cornberg, Leutnant im Generalstabe der hannöv. Garde. — In Minden hat es der Auditeur Marcard durchseine Pamphleten durchgesetzt, daß sich die Synode des Kreises Lübbeke, ebenso wie die des Kreises Minden, mit einer Protestation gegen die Vorschläge der rhein. Stande wegen der Gleichstellung der Juden an den Minister Eichhorn gewandt haben — In Mainz dauern die Reibungen in der Gemeinde fort. Die Vorsteher weigerten sich, den Dr. Cahn am Neujahrsfeste eine deutsche Predigt in der Synagoge Hallen zu lassen (sie ist indessen gedruckt erschienen); am Versohnungsseste mußten sie jedoch nachgeben. — FrmrSfrrvt er. ÄK., 12. Oktbr. Die freie Stadt Frankfurt ist bekannt als die Wiege des klassischen Judenhasses. Sie 'hat einen Göthe in ihrer Mitte erzogen, der so - viele judenfeindliche Elemente in sich ausgenommen. Der Judenhaß in unserer freien- Stadt hat noch das Eigenthümliche — daß ec produktiv ist. Ec beschrankt sich nicht bloß darauf, alte Misgeburten des Hasses zn hegen und zu pflegen, sondern gefallt sich auch darin, seine Schöpferkraft durch neue Erfindungen zu bechatigen. So spricht man davon, daß ein Verein sich bilden soll, der sich die löbliche Aufgabe stellt, Nichts von jüdischen Kauf- und Geschäftsleuten zu kaufen. Warum? weil die Juden die Konkurrenz im Handel erschweren und daher dafür büßen sollen. Diese Klage über erschwerte Konkurrenz wird gegen die Juden von jeher geführt. Als wenn das ,,auserwählte Volk" — so spricht der Judenhaß immer, wenn er seine Pfeile losschießt — auch ausecwählte Handelsleute wären, als wenn die Mittel, deren der jüdische Kaufmann sich bedient, andere waren, als die dem nichtjüdischen zu Gebote stehen. Emsig und betriebsam, ausdauernd und geduldig, mäßig und enthaltsam ist der jüdische Handelsmann, und daher sein Wohlstand. Schubinr 20. Oktbr. Ein Prozeß eigener Art hat sich in unserer Nahe zugetragen, und da dieser bei dem Gerichte hiesiger. Stadt zur Entscheidung kam, so wurde ich mit den Thatsachen näher bekannt, die ich Ihnen, auf Verlangen mehrer Leser Ihres geschätzten Blattes, mitzutheilen mich beehre. Der evangelische Apotheker Kl., in Exin wünschte unlängst für seine Kinder einen literarisch gebildeten Hauslehrer zu nehmen. Um dieses um so leichter zu bezwecken, wandte er sich mit seinem Anliegen an einen Geschäftsfreund in Berlin, welcher es nicht unterließ, den Wünschen des Hr. Kl. dadurch nachzukommen, daß er eine Annonce, unter Angabe feiner Adresse, an das Universicälsgebaude anheften ließ. Es meldete sich bald darauf ein junger Mann, ein angehender Mediciner, Namens I» Fr.. der wegen Mittellosigkeit genöthigt ist, auf ein solches Anerbieten zu reflektiren, um zu den Mitteln zur Fortsetzung seines Studiums zu gelangen. Er legt dem Manne seine Zeugnisse und Empfehlungen, welche nur zu seinem Lobe sprachen, vor, und dieser hocherfreut, so schleunig einen jungen Mann mit guten Kenntnissen und Empfehlungen ausgerüstet, gefunden zu haben, unterhandelt sofort mit Hrn. I. Fr. und verspricht ihm, laut Auftrages seines Ex. Freundes, ein jährliches Honorar von 150Thlr., ein anständiges Weihnachtsgeschenk, nebst freier Station, so wie Erstattung der Reisekosten von Berlin nach Ex. Der neue Gouverneur verläßt Berlin und trifft nach wenigen Tagen in Ex. ein. Natürlich war sein erster Gang zu seinem künftigen Herrn Principal. Kaum hatte aber dieser den Gruß ecwiedert, als er auch die 'Zeugnisse zu sehen wünscht, die ihm auch ganz unbefangen von dem jungen Manne eingehandigt wurden. Aber wer schildert das Erstaunen des schon längstbekannten judenfeindlichen Apothekers, als ec daraus ersieht, daß der Empfohlene ein Jude ist. „Wie!" ruft er leichenblaß,'als sollten alle Krankheiten auf ewige Zeiten von der Erde vertilgt werden, „wie, Sie sind ein Jude!" Ja, war die Antwort. Seien Sie aber unbesorgt, Sie sollen mit mir und meinem Unterrichte zufriedengestellt werden. „Gott bewahre! wie kann ich es wagen, einem Juden, meine Kinder anzuvertrauen. Ich kann Sie durchaus nicht gebrauchen; Sie sind von mir entlassen," war die erbauliche Antwort. Auf die Gegenrede, warum er nicht in seinem Briefe ausdrücklich einen christlichen Lehrer verlangt hatte, wurde kaum geantwortet. Sogar die Reisekosten wurden dem armcn angeführten I. Fr. verweigert, der sich nun mittellos, in einer ihm ganz fremden Provinz und Stadt, in größter Verlegenheit befand. Der jüdische Kaufmann SaLinger rettete ihn durch einen Vorschuß so weit aus seiner peinlichen Lage, daß er seine Reise nach Königsberg in Preußen antreten konnte. Seine Reift führte ihn auch durch unsere Stadt, wo er die ihm wkederfahrene Unbill in einer Gesellschaft erzählte. Es wurde ihm gerathen, gegen Kl. klagend aufzutreten, und der Justiz - Kommissarius Herr Locheisen, etn echter Kampfer für Recht und Wahrheit, übernahm die Führung des Prozesses, und führte ihn soweit durch, daß der Apotheker Kl. zur Bezahlung des ganzen Honorars, so wie in das jährliche Kostgeld und in die Reise kosten, ich glaube im Ganzen über 300 Thlr., an Äcm I. Fr. rechtskräftig vrrurrheiLt wurde.