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Der Orient · 1843-10-17 · Heft 42 (17.10.1843) · p. Seite 335

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 42 (17.10.1843)
Article
Der Frankfurter Reform-Verein
Date
1843-10-17
Page
Seite 335 (sequence 2)
Language
German
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335 nende fortwährende Bildungsfähigkei L gefolgert werden kann? — Folgt eine historische Entwickelung des Juden th ums bis auf die heutigen Lage, die eine Liefere Einsicht in die fortlaufenden Verhältnisse nirgends verräth und darum an Unrichtigkeiten und schiefen Urtheilen nicht arm ist? Vergleichen Sie gefälligst den Passus über die mit den Haaren herbeigezogene Beschneidung! Dann klingt es gerade, als ob die Neformbestrebungen der letzten Jahrzehende öfter ähnliche Vorläufer in früheren Jahrhunderten gehabt hätten; bei welcher Gelegenheit Religionsübung und Religion fast identisch behandelt wird. Eben so wenig ist der Zwiespalt und der Jndifferentismus des heutigen Judenthums richtig geschildert, noch weniger auf seinen wahren Grund Zurückgeführt, und die schönen Redensarten von der Entwicklungsfähigkeit und der Bildungsfähigkeit spielen immer eine große Rolle. Gerecht ist der Jammer über den Zustand der Frauen und der Kinder; aber Innerlichkeit und Gemülhsreguugen sind nicht die Agentien, die hier in's 'Mittel treten müssen. Kommen wir endlich auf die Absicht der Erklärung, so scheint mir die Abweichung von politischen Motiven ganz ungehörig. Wer, dem die Religion wahrhaft am Herzen liegt, denkt dabei an Politik? Qui s'excuse s’accuse. Wer weiß nicht, daß in dem Worte „Reform" der Begriff liegt, für eine gegebene Form eine andere setzen? Wie kann man also ein „Zerstören" „Reformiren" nennen? Was wird das für eine Gesammtheit von Religionsangehörigen sein, die nur eine Negation kennt? Auch ich hoffe, daß es aufrichtigen Bemühungen gelingen wird, dem Judenthume eine würdigere Form zu geben, das heißt eine Form, die seinem innersten Gehalt uns adäquat erscheint; aber sein innerster Gehalt selbst war immer und ewig rein und kann nie reiner hervorgestellt werden, als er wirklich ist. Und so glaube ich nicht, daß, nach diesem Programme, man auf die folgende Erklärung mit der Selbstgefälligkeit schauen darf, die sich am Schluffe desselben so unverkennbar ausspricht. Haben Sie, mein Herr Doktor, meinen hastigen und aphoristischen Bemerkungen über das Programm ein williges Ohr geliehen, so müssen Sie mir nun schon erlauben, auch einige Worre über die Erklärung selbst zu sagen. In Nr. 1 finden wir den Gedanken als Princip ausgesprochen, auf dessen Fund sich die Reformfreunde sehr viel zu Gute thun. Aber giebt es denn in der ganzen weiten Schöpfung Gottes irgend etwas, an desien Forbildungsinöglichkeit ein vernünftiger Mensch verzweifelte? Da indessen der Inhalt der mosaischen Religion ein bestimmter und zwar ein absoluter und, wie wir gesehen haben, ewig reiner ist; so wird nur ihre Form das sein, worauf sich die Möglichkeit dev unbeschrankten Fortbildung beschränken muß. Nun frage ich Sie, was ich mir einbilden sott, für mein Inneres dadurch gewonnen zu haben, wenn ich mir sagen darf, daß die Form meiner Religion einer u n b e s ch r ä n k t e n F o r t b i ld u n g f ä h i g ist? Ich bin mit dieser Einbildung gerade nicht weiter gekommen, als ich eben früher war, bis mir nicht Jemand eine fortgebildete Form zeigt, deren Wahrheit, und deren No 1HWendigkeit also, ich einsehe. Oder glaubt der Reformverem, durch die Erklärung Nr. 2 einen Schritt zur Fortbildung gethan oder auch nur einen Weg dazu gebahnt zu haben? Erkennt denn derselbe im Talmud nicht eine nothwendige Phase der historischen Entwickelung des Judenthums? Aber das Studinm des Talmud ist ein sehr schweres, und es gehört bei weitem mehr als ein akademisches .Triennium dazu, um mit der jüdisch-theologischen Wissenschaft auf's Reine zu kommen; denn es findet sich wahrlich in dem verschrieenen Talmud mehr gesunde Vernunft und mehr tiefe Philosophie, „tlmi are dreamt of in your philosophy.“ Kann man das ein Fortbilden nennen, wenn' man ein nothwendiges Stück aus der Erscheinung, aus der Geschichte einer Religion herauszureißen, und dafür von Anfang an neu aufzubauen gesonnen ist? Denn man muß doch wohl annehmen, daß mit dem Talmud auch seine Konsequenzen, die vier Turim, der Schulchan aruch u. s. w. fallen müssen, und ich bin in der That begierig zu wissen, was die Reformfreunde mit einigen strikt und rein biblischen Gesetzen (Speisegesetze und Bestimmungen über den Sabbat z. B.) anzufaugen gedenken. — Der Gärtner zieht.'einen schönen Baum dadurch, daß er überflüssige und ungesunde Sprossen vom Stamme abschneidet; aber den Stamm selbst bis auf die Wurzel abzu- .schneiden wäre thöricht. So muß, nach meiner Ansicht, das Judenthum nicht von der Bibel altem, sondern mit vom Talmud aus, durch tüchtige und gründliche Kenner desselben, die von der Philosophie unserer Zeit durchdntngen uud erleuchtet sind, sortgebildet und resormirt werden; denn nur so kann, wenn aus das Individuum Rücksicht genommen werden soll, Jedem sein Recht geschehen, der Glaube in seiner wahren Reinheit erhalten, und die Form, ohne auf Einmal zu einem absoluten Abschluß gelangen zu wollen, ihrer endlichen Vollkommenheit entgegen fortgebildet werden. Ich glaube, Herr Doktor, daß ich nicht der Einzige bin, der eine Reform des Judenthums in diesem Sinne begreift, und wie von den mir Gleichgesinnten die dem Reformverein aufgeworfenen Fragen zu beantworten sein werden, können Sie leicht ermessen. Was die Erklärung Nr. 3 betrifft, so ist deren erste Hälfte rein theologisch, und da ich kein Theologe bin, so kann ich Ihnen nur die Nabbinen Dr, Hirsch und Frankel in Erinnerung bringen, die schon vor dem Reformverein, wenn ich nicht irre, aus der Bibel und dem Talmud selbst nachgewiesen haben, daß der Jude an einen leiblichen Messias nicht denken kann. Der Reformverem, der nicht wünscht, was er nicht erwarten darf, hat, sammt dem Schluffe der Erklärung, zu sehr einen politischen Beigeschmack, als daß ich mich hier nicht auf das beziehen dürfte, was ich bei Gelegenheit des Programms darüber gesagt habe. Es bedarf nun wohl keiner Worte mehr über ein Einladungsschreiben, welches auf ein Programm und eine Erklärung Lasirt ist, über die. ich vielleicht schon zu viele Worte

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