Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1843)
- Article
- Der Emancipationskampf im Friesenland
- Date
- 1843-10-03
- Page
- Seite 320 (sequence 3)
- Language
- German
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320 Rauwes-Ferne sich zugezogen!! Denjüdischen Verbrecher richte, aber sprich darum nicht von Verbrechen der Juden, aber verdamme nicht die Juden wegen Verbrechen, die jetzt, die in Vergangenheit Juden begangen haben sollen, aber bestimme nicht das Geschick der Juden nach dem Lohne, den ein jüdischer Verbrecher verdiente. Das ist die einzige Forderung der Gerechtigkeit, von der wir gesprochen, und mit GeWährung dieser Forderung sind die Juden emancipirt. Aber auf welches Gebiet hat die den Kern der Frage umgehende und die Tendenz des Protestes entstellende „Antwort" geführt, zu welchen Diskussionen genöthigt! Hat der Protestführer anklagen, beschuldigen, hat er den Geist der Animosität heraufbeschwören, hat er die gegenseitige Anfeindung unter Genossen desselben Himmels, unter Kindern desselben Bodens aus dem kaum überschütteten Grabe vergangener Jahrhunderte aufs Neue wecken wollen? Wie fern war und ist dies Alles von ihm! Protestiren wollte er und hat protestirt gegen die Verdächtigung der nichtemancipirten Juden als verrärherischer Staatsgenossen, gegen die Bezeichnung der Emancipation-Anstrebenden als ihrer väterlichen Religion abtrünnig-werdender, gegen die Empfehlung der Emancipation als mühe- und kostenlosester Missionssache, und auf dem Wege dahin, in dem aufgestellten Satze, daß die Emancipation solcher Empfehlung nicht bedürfe, daß sie sich von selbst jedem wahren Christen als reiner Akt der Gerechtigkeit und zugleich als ein schöner Sühnakt für vergangene Jahrhunderte empfehle, —auf dem Wege dahin, — in dieser Behauptung, hat der Protestführer auf diese vergangenen Jahrhunderte hingewiesen und das Verfahren derselben gegen die Juden eine Versündigung genannt, — diese Hinweisung, diese Bezeichnung vor Allem greift, die Antwort auf, als ob davon die Frage adhange: Sei selbst diese Hinweisung irrig und die Bezeichnung falsch, waren selbst die Juden im Laufe vergangener Jahrhunderte auf Rosen gewandelt — dennoch wären die Behauptungen des Votums wahrlich nicht minder unbegründet, nicht minder gerecht der gegen diese gerichtete Protest, nicht minder ohne alle Nebenrücksicht die Emancipation, als reiner Akt der Gerechtigkeit zu empfehlen. Denn wahrlich, nicht als Entschädigung für das, was die Väter gelitten, wird die Emancipation von den Juden erstrebt, sondern als von dem Vater aller Menschen gleich dir ins Menschendafein, ins Menschenleben gerufenes Geschöpf tritt der Jude, blos auf sein gegenwärtiges Dasein gestützt, an dich hinan und spricht: sei mir gerecht, ich bin ein Mensch, bin Gottes Kind wie du. Und dieser Anspruch wird erhört werden, und in dieser Erhörnng der Genius der Menschheit, und wahrlich auch der Genius des wahren Christenthums eine Freudenthräne weinen über den schönen Triumph, den das gottverehrende Rechtsgefühl über Engherzigkeit und Wahn wird errungen haben. Emden, 1843. Hirsch. Verlag von E. L. F r i tz s ch e. Zusatz -es Herausgebers. *) Zum Schlüsse dieses Streites fügen wir einige kurze, leidenschaftslose Bemerkungen über die Sache selbst hinzu, um welche es sich hier handelt, ohne viel Rücksicht auf die streitenden Personen zu nehmen. Zuerst sind auch wir der vollen Ueberzeugung, daß das Wesen des Judenthums Partikularismus sei. Lehre und Geschichte dieses Volkes bieten für solche Ansicht Beweise in großer Menge dar, welche anzuführen hier nicht der Ort ist, um so weniger, da theologische und historische Schriftsteller es schon oft gethan haben. Durch diese scharfe Absonderung geratben die Juden nothwendig in einen Gegensatz zu allen andern Völkern, der leicht etwas feindliches annimmt. Die Behauptung jedoch, welche der Verfasser des Votums aufgestellt hat „daß die Juden Fürst und Vaterland verrathen würden, wenn ihr Interesse es mit sich bringe", erscheint auch uns zu hart uvd unbegründet, obgleich man sie deshalb noch nicht Verläumdung nennen darf, da sie aus jenem Partikularismus und feind-, seligen Lehren des Talmuds irrig gefolgert sein kann. Solche Sätze, wie Eisenmenger und Andere sie angeführt haben, sind doch nicht ersonnen und erlogen zu nennen! Wie weit sie freilich von den Juden als echt und bindend anzusehen sind, können wir nicht bestimmen und wahrscheinlich viele Juden eben so wenig als wir. Durch Anführung solcher Stellen, über welche das Urtheil so unsicher ist, kann eine Streitfrage nicht entschieden werden, und wir lehren es daher, mit Rücksicht auf eine in der „Antwort" enthaltene. Stelle, im Vor-, aus ab, dergleichen in der Frisia. mirzucheilM ' / Ueber den .Erfolg der Emancipation, den der Verfasser des Votums in der Auslösung des Judenthums erblickt, wagen wir nicht zu entscheiden. Wenn indessen die willkürlichen Rechtsbeschränkungen, welche die sittliche und bürgerliche Erniedrigung der Juden mit' hervorgerufen haben, wegfallen, so mag durch innere Reinigung und Veredlung des Judentums, auch eine Annäherung an das Christentum bewirkt werden. Obgleich diese bisher in den Staaten,, in welchen die Juden volles Bürgerrecht besitzen, noch nicht geschehen ist, so darf man doch daraus nicht schließen, daß sie auch nicht geschehen werde. Denn unsere Erfahrungen über die Emancipation sind noch sehr neu, die ältesten datiren sich ja von der ersten franz. Revolution her, und um den Sinn des zähesten Volkes, das Jahrtausende lang in den verschiedensten Klimaten und unrer den verschiedensten Völkern immer dasselbe geblieben ist, einigermaaßen zu ändern, dazu bedarfs eines länger» Zeitraums, als etwa 50 Jahre sind. *) Der Frisia, Dr. Schweckendieck. (Beschluß folgt.) Druck von I. H. Nagel. Dazu eine Beilage: „Verzeichniß hebräischer Bücher".