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Der Orient · 1843-10-03 · Heft 40 (3.10.1843) · p. Seite 319

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 40 (3.10.1843)
Article
Der Emancipationskampf im Friesenland
Date
1843-10-03
Page
Seite 319 (sequence 2)
Language
German
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319 eine Antwort haben mnßtss — -dem gegenüber die Geschichte der Juden und den Pfuhl.judenfeindlicher Kollektaneen durchftöbern zu können, um zu zeigen — daß auch die Juden in der Wüste ja gegen Moses rebellirt, blutige Kriege gegen Philister und andere Völker geführt, einen Justizmord begangen, die ersten Christen verfolgt rc. Alles dies einmal nach der Auffassung des Votanten zugegeben, was soll dies Alles zu der Frage, um die es sich im Votum, um die es sich im Protest gehandelt? Sollen durch die Rebellionen der Juden gegen Moses in der Wüste u. s. w. die Verfolgungen gerechtfertigt werden, die die Juden im Mittelalter in Europa zu dulden hatten, die Rechtsversagungen gerechtfertigt werden, unter denen noch heutige Juden leiden? Waren es, sind es dieselben Juden, die gegen Moses rebellirt, die den Justizmord begangen, die die ersten Christen verfolgt; waren es, find es dieselben Juden, die man im MA. geschlachtet, denen man noch heute die Menschenrechte versagt? Aberdie .Brunn env ergistungen, din Brandstiftungen u. s. w., deren man die Juden im MA. beschuldigte, müßten erst von uns bewiesen werden, daß sie in keinem Falle begründet gewesen, sonst könne man diese Verfolgungen keine Versündigung nennen? Wie? wenn eine solche Verfolgung in einem Falle wirklich begründet gewesen wäre, dann wären alle übrigen etwa weniger eine Versündigung zu nennen?. Und wir, die Beschuldigten, hätten dies zu erweisen und nicht die Beschuldiger, denen überall der Beweis obliegt, wenn nicht ihre Beschuldigung Verleumdung blcibm soll? Wir aber sagen, wie uns christliche, wahrlich nicht im Interesse der Juden schreibende Historiker lehren, wir aber sagen, daß diese Beschuldigungen nicht begründet, daß sie Erdichtungen gewesen, um den Pöbel zu hetzend) Wären sie aber *) Man lese, was darüber z. B. der wahrlich nicht judenfreundlich.e K. von Rotteck in seiner Allg. Geschichte Bd. VJ. S. 57 u. 237 der Ausgabe v. 1833 sagt: „Bald gesellte sich zu diesem Schrecken der Natur ( es war Pest u. s. w.) die noch größere Wuth der Menschen. In die verzweifelnden Gemüther kam plötzlich — durch priesterliche Unholde angefacht — fanatischer Grimm wider die Juden, als welche durch Brunnenvergiftung die Pest verursacht hätten: worauf der Pöbel in den meisten Städten Deutschlands, in den Rhein- und Donauländern und bis zur Ostsee die Unglücklichen angriff, und unter schaudervollen Scenen, viele tausend Männer, Weiber, Kinder qualvoll (Ldtete. Ihre Wohnungen sanken in Asche. Sie selbst, in verzweiflungsvoller Noch, zündeten dieselben an, stürzten ihre Kinder in die Flammen, sich selbst in Dolch und Schwert. Vergebens drohten Häupter und Gerichte. Den reißenden Thieren gleich erkannten die Wüthenden weder Gesetz noch Recht." Und über das allgemeine Verhältniß der Juden im MA. S. 237: „Unter den Mohammedanern und Christen zerstreut hausten fast in allen Ländern auch viele Juden, gewiß in großer Bedrückung, zumal unter den Christen. Wir haben verschiedene Beispiele von Judenverfolgungen schon gelegentlich erzählt, für diese Unglücklichen galt kein Menschenrecht, für auch begründet gewesen, hätten — was wir selbst nicht in einem Falle glauben, ehe uns dafür der vollgültigste Beweis geliefert ist — hätten wirklich im MÄ. Juden Brunnen vergiftet, Brand gestiftet, fände sich selbst jetzt noch unter den Juden eine größere Anzahl Verbrecher, als es wirklich der Fall ist, wäre dadurch auch nur um ein Haarbreit eine der metzelnden Verfolgungen der Juden im MA. der Rechtfertigung näher gebracht, unter denen noch heute die Juden seufzen? Gilt denn in der jüdischen Rechtsfrage das Recht Nichts, das Vorurtheil Alles? Hat man denn, wenn wirklich ein Jude das scheußliche Verbrechen der Brunnenvergiftung geübt, nur diesen Juden, nur diesen schuldigen Juden gerichtet? Oder giebt das Verbrechen eines Juden, das Verbrechen selbst mehrerer Juden das Recht, alle Juden und alle Kind- und Kindeskinder aller, aller Juden als Verbrecher zu behandeln? Eigenes Geschick der Juden! In allen übrigen Kreisen gilt die Beschuldigung Nichts, gilt der Beweis Alles, in allen übrigen Kreisen darf der Nachbar nicht büßen die Schuld des Nachbars, darf das Kind nicht büßen die Schuld des Vaters, nur die Juden sollen solidarisch zu tragen haben die Schuld, oft nur die Beschuldigung, die ein Jude, die einige Juden in weitester Zeit-, in weitester sie sprach kein menschliches Gefühl. Nicht bloß die regellose Wuth des fanatischen Christenvolkes, leicht aufgeregt durch jeden Betrüger oder Wütherich, drohte den Juden für und für bei jedem öffentlichen Unglück, das man oft dem zauberischen Einfluß der Juden, bei jedem, größeren Sterben, das man gern der Vergiftung zuschrieb, auch bei jedem muthwillig auf sie geworfenen Verdacht irgend eines Privatverbrechens, irgend einer Entheiligung christlicher Dinge: sondern die Obrigkeiten selbst gaben oft das Signal der Verfolgung, oder tolerirten sie wenigstens, ja die geistlichen wie die weltlichen Gesetze autorisirten die Mißhandlung der Juden rc." „Unter allem Druck gelangten gleichwohl die Juden fast allenthalben zu vielbeneidetem Reichthum. Ihre Thätigkeit in Handelsgeschäften, von welchen der Geist der Zeit und die Tyrannei des Feudalwesens die europäischen Völker abhielr, bewirkte solchen. Der Handelsgewinn ist immer desto größer für die Einzelnen, je weniger Theilnehmer sind. Auch Ungerechtigkeit, böser Wucher und alle schnöden Künste der Habgier mochten dabei wirksam sein. Aber das Gesetz des Rechtes ist ein allgemeines oder keines, und zu gesellschaftlichen Pflichten nur verbunden, wer als Mitglied der Gesellschaft geachtet wird. Die Juden, welchen kaum eine Gemeinschaft der menschlichen, geschweige der bürgerlichen Rechte zugestanden wurde, konnten auch von solchen Pflichten gegen ihre Dränger sich befreit glauben, und überall wird verworfen werden, wer als verworfen b ehande l t w i r d." Man erinnere sich, daß nicht wir, daß Karl von Rotteck also spricht. Gott weiß, mit welchem Widerstreben wir auf diese traurigen Spezialitäten der Geschichte zurückgekommen. Allein, wenn die erlittene Verfolgung noch nach Jahrhunderten für die Verfolgten die bösen Früchte tragen soll, daß man aus der Verfolgung auf die Schuld der Versolgren schließen will, so kann man nicht anders, als die Blätter der Geschichte befragen. Es ist jedoch nur für dies eine und letzte Mal, daß wir dem Votanten auf dies Terrain gefolgt.

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