Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1843)
- Article
- Warschau : Nekrolog des Hrn. J. Epstein ... [Nachricht]
- Date
- 1843-10-03
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
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314 heit emporzuhelfen, reiste Hc. Jakob Epstein in diesem Frühjahre nach dem besuchten Badeorte Schlesiens, nach Warmbrunn am Riesengebirge, wo der unerbittliche Tod ihn den 23 Juli uns entriß. Der innige Wunsch der Familie und der Warschauer Gemeinde, daß die Ge-/ deine des Verblichenen im Vaterlande und auf dem Friedhofe der Vaterstade ruhen möchten, war die Veranlassung, daß der allgemein geachtete und beliebte C. H. Rosenthal, Mitglied des > Vorstandes .des berühmten Hospitals und der Elementarschulen, so wie der angegesehene L. Margolios, der Gabbai des Hospitals, , die Reste des Verstorbenen nach Warschau geleiteten, was freilich erst nach langen Debatten mit den Rabbi- ' nen geschehen konnte. Es ist mir unmöglich, ein Bild; dieses gcandesken Leichenzuges von Warmbrunn über ’ Breslau und Kalisch nach Warschau, der vier volle Wochen dauerte, zu entwerfen; alle Gemeinden, durch welche der Leichenzug kam, betrachteten den Verstorbenen als den'ihrigen und zu Tausenden folgten sie meilenweit und in stiller Trauer seinem Sarge. In der großen Gemeinde zu Kalisch folgten sammtliche Gemeindeglieder, den edlen Verblichenen betrauernd, in Kcasch n i ew i tz, wo er der Gemeinde aus .eigenen Mitteln eine Synagoge gebaut, bestand man darauf, seine Leiche nach der Synagoge zu bringen, um ihm da eine Leichenrede zu halten, und die achtbaren Abgeordneten konnten es nur durch die Vorschrift von Seiten der Behörde, nie mit der Leiche in einer Stadt zu verweilen, verhindern. Wahrhaft imposant und überraschend war es, als der Leichenzug -nach vier Wochen endlich Warschau sich näherte! Gegen anderthalb Meilen zogen über zwanzig Tausend Leute von allen Konfessionen und Ständen, worunter angesehene und .achtbare Männer der Stadt, dem Sarge entgegen um ihn zur Ruhestätte zu begleiten; Hunderte drängten sich den Sarg zu tragen, oder auch nur die Bahre zu berühren, und ich konnte erst die Macht des Ausspruchs bxyi/'D nm verstehen. Auf dem Friedhofe .angelangl, hielt unser Rabbiner und hierauf Dr. Goldschmidt eine Leichenrede, welche unserm Gefühle die Worte gab. Möge er auf vaterländischem Boden sanft ruhen. — Die würdigen Söhne des Verstorbenen, der Hofbankier Jozes Epstein und der Kommerzienrath Hermann E p st e i n, wurden an der Stelle ihres edlen Vaters zu Vorstehern des israelitischen Hospitals gewählt, so daß der erstere Präses und der andere Vice-Präses der Anstalt ist. Sie warm wahrend des Leichenbegängnisses in Ostende und konnten erst etwas spät wiederkommen; aber von den Gefühlen ihres sel» Vaters beseelt, waren sie bereit, den inständigen Birten der edlen Deputation und des Rabbiners zu willfahren, so es gilt, den Glaubensgenossen nützlich zu sein und mit ihren Kräften und Mitteln beizustehen. Es ist eine erfreuliche Erscheinung in unserer Zeit, daß die edelsten und angesehensten Männer sich der Leitung der israelitischen Gemeinden annehmen; so ist es in Berlin, Wien, Hamburg und andern Orten; die Herren Epstein sind durch Bildung, Reichthum und Verbindungen unsere angesehensten Bürger, auf die wir stolz sein dürfen und wir hoffen, daß die Angelegenheiten des Hospitals und der Gemeinde in ihren Händen gut ausgehoben ist, denn cp rcrwa ciM nwyp* Memel, 16. Sptbr. Die düstern Nachrichten Ms Rußland über den Ukas vom 2. Mai, welchen die Organe des civilisirten Europa gern als aufgehoben darstellen, erfüllen'unsere Brust mit finstern Gefühlen der -Bangigkeit und der Sorge. Es ist eine nackte Lüge, was die Augsburger Allgemeine Zeitung in .einem wahrscheinlich selbstfabricicten Artikel von der polnischen Grenze berichtet, daß der Ukas nur so gedeutet werde, daß nur die Juden auf dem platten Lande und in den Dörfern darunter verstanden werden; es ist auch eine Lüge, was andere Zeitungen berichten, daß die Ausführung des Ukases gesetzlich suspendirt worden sei; auch ist es eine Lüge der e wähnten Zeitung, wenn sie behauptet, daß nur ein geringer Theit der mosaischen Bekenner von diesem harten und der nordischen Macht nicht würdigen Ukas betroffen werde. Wie der Berichterstatter aus Kalisch Ihnen gemeldet, sonst es buchstäblich wahr; eine halbe Million Juden sollen aus ihrer Heimath exilirt werden, wo sie seit dem zwölften Jahrhundert -wohnten. Es ist eine Lüge der russischen Blatter, wenn sie diesen Ukas als eine Folge der zahllosen Defraudationen von Seiten der Juden barstelten, da es bekannt genug ist, daß die eigentliche Veranlassung zu diesem harten Gesetze nur die altastatische Nwelljrungsfucht ist, verbunden mit dem glühendstem Hasse gegen die Juden von Seiten der Macht. Das Deftaudiren ist ein Geschäft, welches die Regierung Tausenden von Familien, Hunderten von Beamten zugewiesen, indem sie die Beamten schlecht besoldet und den Familien jeden Erwerbszweig abgeschnitten; die Schuld, wenn sie im Moralprincipe der Regierung liegt, überschüttet nur die Gesetzgeber mit Schmach und Schande.. Die Gesetzgeber sollten sich unter die Pascher mischen, die Pertersburger großen Helden gegen die von allen Seiten gedrückten Juden sollten einmal als einfache Leute der litauischen Grenze entlang reisen, und sie werden sehen, wer das Paschen fördert und vermittelt; sie werden sehen, wie die kosakischen Grenzwachter, weil sie von ihren Ofsiciecen keinen Sold erhalten, das Paschen selbst übernehmen, und dem'Kaufmann noch die Maare für die richtige Paschung verassekuriren. Daß die Regierung solches weiß, sieht man schon daraus, daß sie so oft Beamten herschickt, um die Versunkenheit der Grenzwächter zu untersuchen und womöglich durch eigene Anschauung zu urtheilen. Aber wie schlecht gelingt es