Mannheim
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Der Orient · 1843-09-12 · Heft 37 (12.9.1843) · p. Seite 292

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 37 (12.9.1843)
Article
Mannheim: Zustand der israel. Schulen in Baden
Date
1843-09-12
Page
Seite 292 (sequence 1)
Language
German
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292 Mannheim, 16. Juni. (Fortsetzung.) Man erkennt nunmehr bald, welche Bedeutsamkeit gerade für unsere reformatorische Zeit die nachbiblische jüdische Kirchengeschichte gewinnt, und welcher Werth darauf zu legen sei, daß sie — wenigstens in ihren Hauptmomenten — der jüdischen Jugend bekannt werde. Ein großer Lheil der Hindernisse, welche bisher selbst den gemäßigten und besonnensten religiösen Fortschritt hemmten, rührt unzweifelhaft daher, well eben die am Bestehenden festhangende Partei die Geschichte nicht kennt und nicht vor ihren Richterstuhl erscheinen will z denn das ist ja gerade das Lebensprineip der Stabilität, daß sie sich von dem zersetzenden Procefi der Weltgeschichte nicht auflösen läßt. Die bisherigen Andeutungen mögen genügen, um die Aufmerksamkeit unseres hochverehrtem Oberrathes auf diesen Gegenstand, der sich uns so vielversprechend und erfolgreich erwiesen, hinzulenken und uns der Hoffnung überlassen zu dürfen, den Lehrplan der jüdischen Schule bald durch Aufnahme der jüdischen Kirchengeschichte erweitert zu sehen« Wir schlagen zu dem Ende vor, daß der recipirten biblischen. Geschichte von Büdinger eine leichtfaßliche kurze Geschichte der jüdischen Religion als Anhang beigegeben werde — etwa nach Art der dem evangelisch-protestantischen Katechismus angchängcen Religionsgeschichte, welcher dem ausführlichen mündlichen Vortrage des Lehrers als Leitfaden dienen könnte. Wir nehmen sogar keinen Anstand zu erklären, daß es uns angemessen und wünschenswerth erscheine, auch die politische Geschichte der Juden bis auf unsere Zeit herab — ihren Hauptmomenten nach — in den Lehrkreis der Schule zu z-iehen (Referent hat bereits den Versuch damit gemacht) z jedoch beschränken wir hierin unfern Wunsch auf die erweiterte Volkschule und hohen Lehranstalten, und möchten wir ganz besonders der Sabbat- und Fortbildungsschule den Unterricht in der jüdischen Geschichte anempfohlen wissen. Die spätere Geschichte der Juden, in ihrem politischen Theile reich an merkwürdigen Begebenheiten, wie an erhabenen und lehrreichen Beispielen — wir erinnern nur an die Makkabäer, die Herodäer und an die letzten schrecklichen Kämpfe gegen das weltbeherrschende Rom, welche unwiderlegliche Zeugnisse des glänzendsten Heroismus der Juden abgebend von diesen den Vorwurf der Feigheit abwälzt, — eignet sich vornämlich dazu, die Selbstachtung, den mächtigsten Hebel und die stärkste Triebfeder aller Moralität, sowie das Gefühl für wahre Ehre und Freiheit, die Quelle aller patriotischen Tugenden zu wecken und zu beleben. Nichts aber thut den mit Haß und Spott beladenen, und so um die Achtung der Außenwelt gebrachten Juden mehr noth, als sie vor ihrer Selbsterniedrigung zu schützen und zu verhüten, daß sie— an sich selbst irre werdend — wähnen, die erfahrene Zurücksetzung und Verachtung der Welt lediglich durch eigene Schuld sich zugezogen zu haben. Die Geschichte der Juden möge vielmehr unsere reifere Jugend belehren, daß ihre Vorfahren aller Tugenden theilhastig waren, die zur Ehre und zum Ruhme einer großen Nation gereichen, und daß die nunmehrige „abgeschlossene, sondernde (gesonderte) Existenz der Juden keine freigewählte, keine den Ideen, dem innern Leben angemessene, aus ihm natürlicher Weise entsprossene, sondern in vielen Punkten eine von Außen aufgedrungene, eine durch Haß und Noth, durch Zurückweisung und Abstoßung von Seiten der Außenwelt zur traurigen Nothwendigkeit gewordene sei."*) Es würde zu weit führen, diesen Gegenstand in seiner ganzen Bedeutsamkeit und Wichtigkeit hier erörten zu wollen; für unfern Zweck reicht es hin, darauf hingewiesen und dem Einwurfe vorgebeugt zu haben, als beabsichtigen wir — vielleicht gar aus purer Neuerungssucht — den ohnedies reichhaltigen Lehrplan der jüdischen Schule noch durch fremdartigen, neuen Lehrstoff, dessen Nutzen überdies noch problematisch erscheine, zu vermehren. Gern geben wir indessen zu, daß der Ausführung darin ein bedeutendes Hinderniß im Wege stehe, daß bis jetzt noch kein Buch vorhanden ist, welches die Geschichte der Juden so behandle, daß die Jugend es mit Nützen gebrauchen könne. Ja den meisten Lehrern wie Rabbinern unseres Landes ist das Feld der jüdischen Geschichte noch eine terra incognita, und wird es bleiben, so lange nicht besser als bisher für die Ausbildung unserer Schul- und Rabinatskandidaten gesorgt sein wird. Was nun den andern neuhinzugekommenen Lehrgegenstand, die systematische R e l i g i o n s l e 1) r e angeht, so ist für diesen Unterricht Büdingers**) Religionstehrbuch als Leitfaden in den Volksschulen verordnet worden. Welche Motive die Wahl dieses Buches erwirkt und seinen Vorzug (eine Bevorzugung) vor vielen andern bestimmt haben mögen, ist uns noch nicht einzusehen vergönnt. Daß es der großherzvgliche Oberrath selbst nicht ganz zweckmäßig und allen seinen Anforderungen entsprechend befunden habe, giebt er uns dadurch zu erkennen, daß er für nöthig erachtete, eine Anweisung über den Gebrauch dieses Lehrbuchs hinzuzufügen (Verordnung vom 26. Aug. 1834), wodurch Plan und Anlage modisicirt werden, so das cs nun manchem Lehrer — um wie viel mehr dem Schüler — schwer fallen mag, sich zurecht zu finden. Die beregte Anweisung trifft, außer einigen zweckmäßigen, jedoch unerheblichen Aenderungen in dem gedachten Lehrbuche, vornämlich die Annahme der von Maimonides aufgestellten 13 Gtaubensgrundsätze, welche Büdinger nach dem Vorgänge Albo's und Anderer auf 3 reducirt hat. Wir können dem großh. Oberrathe hier nur beistimmen und für Beibehaltung der Maimonidischen 13 Glaubenssätze uns entscheiden. Denn müssen wir gleichwohl die dagegen erhobenen Einwürfe von Chasdai, Josef Albo und Isaak Abrabanel, den gelehrtesten und vornehmsten jüdischen Dogmatikern, für *) 9? t eff er, Besorgnisse und Hoffnungen rc. S. 15. **) Leidfaden für den Unterricht in der israelitischen Religion von D. M. Büdinger. Kassel, 1831.

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