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Der Orient · 1843-09-12 · Heft 37 (12.9.1843) · p. Seite 290

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 37 (12.9.1843)
Article
Hamburg : Wochenbericht [Nachricht]
Date
1843-09-12
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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290 Ich glaube es kaum. Juda und Israel haben ja ebenfalls mit einander auf Tod und Leben gerungen. Aber ich sage blos: das Chcistenthum hat seine wellerlösende Kraft, seine apostolische Mission in der Gesetzgebung und in der Geschichte um Nichts mehr, bewiesen, als das Judenthum. Hier tritt der freie Wille des Individuums dämonisch gegen die geläuterte Sitte auf, welche von jeder Religion gelehrt und empfohlen wird. — Auf diesen negativen Beweis, sollte man mehr Werth legen, als auf den positiven Grundsatz von „leben und leben lassen". Man sollte es gar nicht vom Wollen und Sollen des Nebenmenschen abhangen lassen, wenn von Toleranz oder Intoleranz die Rede ist, man sollte das Rechte thun müssen, das Ungerechte gar nicht thun können. So verstehe ich-die Religion und so denke ich mir die praktische Religiosität. Mit dieser Ansicht vergleiche man nun, was jetzt in Rußland und — im Kirchenstaate gegen die Juden in Ausführung gebracht wird. Dort verstopft man Tausenden die Erwerbsquellen, weil zehn gegen drückenden Staatsgesetze gefehlt haben mögen; hier zwingt man die Juden zu Frost und Hunger am Sabbat oder zur Entheiligung des Ruhetages, weil vielleicht ein Jude als Werkzeug von zehn Christen sich eine Profcmation hat zu Schulden kommen lassen. Wie schön stimmen hier Norden und Süden mit einander überein, wie trefflich sympathistren Gracismus und Romanismus mit einander, wie reicht der Czar dem Statthalter Christi — beide Christen , beide aber einander feindselig gegenüberstehend, wo das Staatsinteresse es gebeut oder erheischt — brüderlich die Hand! Doch, wen wird das gerade von Rom Wunder nehmen? Ginge es nicht allen im römischen Staate wohnenden Protestanten eben so, wenn sie nicht in den Gesandten protestantischer Staaten einen Rückhalt hatten? Ich finde dieses Verfahren für das römische Princip durchaus paffend; aber.christlich nenne es Niemand; christlich ist es eben so wenig, als daß das Lotto im Kirchenstaate eine Staatsrevenue bildet. Sind aber blos Kaiser und Pabst — von Alters her Antagonisten — in der Verfolgung der Juden einig? Nein, dieselbe Erscheinung wiederholt sich überall, wo nicht die wahre Staatsräson, Gleichheit der Gesetzgebung und Gerechtigkeit für Alle, des Triumphes sicher ist. Darum ist es nur eine ehrenwerthe,. ahn eine erfolglose Manifestation, wenn zugleich die Königsberger und die Kölner Juden den Kaiser Nikolaus um Rücknahme seines Ukases beschwören. Hier hilft nichts, als Ausharren und vor Allem Einigkeit. Diese aber sehe ich leider -mehr und mehr unter uns schwinden. Wir fangen an, gegen einander intolerant zu werden, uns gegenseitig Borwürfe zu machen -— das ist bedenklich, beklagenswert!), unzeitiger denn je. So muß ich denn, die Personen bei Seite lassend, das ganze Projekt des Frankfurter Vereins für ein unglückseliges erklären. — Ich hoffe, meinen diesmal allgemein gehaltenen Ausspruch bei gehöriger Muße und nach reiflicherer Erwägung des Für und des Wider mit Gründen zu belegen; doch werde ich mich überall nur an die gedruckten Meinungsäußerungen, nirgends an vage Gerüchte und klägliche Imputationen halten. Bis jetzt liegt nur Folgendes vor: Oie Zahl der Anhänger Creizenachs soll sich für jetzt auf nur 23 belaufen; der Frankfurter Rabbiner Trier hat die Rechtfertigung der Beschneidung und einer über die Gegner zu verhängenden Atimie übernommen; die Doktoren Rießer und Stern sind beide Monate lang, über das Wie? und Wieweit? des Vereines in Ungewißheit geblieben. Das von Dr. Creizenach verfaßte Momoire wird außerhalb Frankfurts gedruckt werden müssen und schlimme Leidenschaften unterbrechen für den Augenblick jedes Zusammenwirken zu dem Zwecke, der allen andern vorangehen sollte. Das Banner der Emancipation ist einstweilen in den Boden gesteckt, statt muthig vorwärts getragen zu werden. Mir sagt es mein Gewissen, daß ich Niemanden wissentlich kränke, wenn ich diesen Zwiespalt in solcher Zeit, von wem er auch ausgegangen sei und von welcher Seite her er auch genährt werde, unheilvoll nenne. Kämpfen wir unaufhörlich, aber Alle für Alle, nicht Alle gegen Alle, kämpfen wir für unsere heiligsten Interessen, aber nicht gegen unser eigenes Heil. Damit ich aber auch diesem subjektiven Urtheil. nicht zu vielen Raum gönne, suche ich noch mit wenigen Worten den Eindruck wiederzugeben, Den Herrn Or. Riessers Erklärung hier in Hamburg hervorgebracht hat. Es war ein durchaus peinlicher und zwar zeigte sich dies noch weit mehr als bei den Orthodoxen gerade in der Mitte derer, die Herrn Dr. Riessers übrige Wirksamkeit als die schönste und edelste 'stets anerkannt haben und noch anerkennen. Ich berichte hier nur ein Faktum, wenn ich hervorhebe, daß eben in der Tempelgemeinde die unzweideutigste Stimmung über die Unangemessenheit der in Frankfurt begonnenen Demonstrationen sich kundgab. Klarer als je hat es sich offenbart, daß der Tempel in der Synagoge wurzelt, und ihr nie sich entfremden wird, und die Predigten, die Herr Dr. Frankfurter (in Abwesenheit des Hrn. Dr. Salomon) seit 4 Wochen gehalten hat, geben nach Inhalt und Ausdruck davon das kräftigste Zeugniß. — §3€?ltlf, 1. Septbr. Berliner Eckensteher und Berliner Witz sind berühmt. Vor Kurzem bemächtigten sie sich eines jüdischen Geheimen Kommerzienrathes, der über dem Kom m erzienrath in Geheim den Juden veclaugnete. Es ist Ihnen nämlich schon früher berichtet worden, Daß die Berliner Gemeinde die erste ausgefertigte Dankadresse an die rheinischen Stände nicht abschicken konnte, indem einer der Vorsteher aus Furcht, bei der Regierung in Ungnade zu gefallen, seinen Namen wieder ausradirte und auch andere zur Nachahmung aufforderte. Dieser war der Geheime Kommerzienrath

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