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Der Orient · 1843-08-15 · Heft 33 (15.8.1843) · p. Seite 264

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 33 (15.8.1843)
Article
Die neue jüdische Reform-Sekte
Date
1843-08-15
Page
Seite 264 (sequence 5)
Language
German
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264 dachten, nicht für Juden hält. Es mag sein, daß diese Auffassung auch vom Standpunkte des Judenthums falsch ist; aber darüber hat die Theorie des Judenthums, nicht wir, zu entscheiden. Es versteht sich hierbei nach der ganzen Natur der religiösen Verhältnisse der Gegenwart von selbst, daß jene unsere Ausschließung aus dem Judenthum sich lediglich auf dem Gebiete der Meinung, die ja eine völlig freie ist, zu halten hat und auf keine, die Freiheit der entgegengesetzten Meinung beeinträchtigende Weise zur That werden darf. Wagte man den unklugen Versuch, uns durch einen der Punkte, in welchen das bürgerliche Leben noch mit dem religiösen zusammenhängt, in's Gedränge zu bringen und irgend eine Art von Bannrecht an uns zu üben, so würde man dadurch augenblicklich eine Krisis herbeiführen, in der das Prineip der Freiheit sicher nicht das schließlich unterliegende sein würde. Abgesehen von solchen Maaßregeln, zu deren Ergreifung man wohl zu klug sein wird, muß sich die Meinung darüber, ob wir noch als Juden zu betrachten seien oder nicht, wenn sie Verlangen darnach trägt, frei und ungehindert aussprechen dürfen. Dieser Punkt berührt ziemlich nahe eine der wesentlichsten Differenzen, die zwischen mir und denen, von welchen die im Eingänge erwähnten Mittheilungm ausgingen, obwalten, und die, wie gesagt, noch völlig ungelöst sind. Mir schien es nämlich, daß eine Erklärung, wie die projektirte, auch in ihrer gemäßigteren, die Beschneidung schonenden Fassung, durchaus ungeeignet sei, innerhalb des Judenthnms eine reformirende Wirkung zn üben, daß überhaupt die geistigen Elemente, aus denen jene Erklärung hervorgehe, zn einer solchen Wirkung unfähig seien. Ich glaubte vielmehr annehmen zu müssen, daß gerade die Männer, welche um die praktische Reform des Judenthnms das größte Verdienst haben, die neue Richtung aus begreiflichen Gründen am Nachdrücklichsten und Lebhaftesten zurückweisen würden. Ich konnte daher meinerseits in einer solchen Erklärung nur einen Akt persönlicher Selbstständigkeit, die Lösung einest Problems der Freiheit erblicken, bei welcher es denn vorerst gar nicht darauf ankommen würde, ob man mit dem Ausspruch seiner vollen und festen Ueberzeugung. außerhalb oder innerhalb des Judenthums stehe. Aus diesem Grunde hielt ich gerade eine Erklärung gegen die Beschneidung für das Wesentlichste, weil man sich eben auf diesem Punkte einem mindestens von vielen Seiten behaupteten, durchaus unzulässigen und unwürdigen Zwang gegenüber befindet und das Prineip der Freiheit daher hier vor Allem gewahrt werden muß. Aber dieser meiner Ansicht von der Dache wurde der entschiedenste, von ernsten Gründen, die mich freilich nicht überzeugen konnten, unterstützte Widerspruch entgegengesetzt z man wollte keinesweges für ein bloßes Rechtsprinzip streiten, sondern das Judenthum reformiren, ■ und deshalb wollte auch die Mehrheit auf einen Widerspruch gegen die Beschneidung, welcher der Sache in ihrer Wirksamsamkeit allzusehr schaden würde, nicht eingehen. So stand die Sache im Februar, wie sie sich jetzt in Wirklichkeit gestaltet hat, darüber wird sich das Publikum so wenig wie ich aus allen den konfusen, widersprechenden und abgeschmackten Zeitungs-Artikeln, die man uns aufgetischt hat, eine rechte Vorstellung bilden können. Ob und wie man sich zum Beispiele über die Beschneidung ausgesprochen hat, darüber enthalten die Zeitungen die entgegengesetztesten Nachrichten, und ich weiß darüber eben so wenig Auskunft zu geben, wie ich es zu erklären weiß, daß man die Unschicklichkeit begehen konnte meinen Namen zu nennen, während ich mich auf's Entschiedenste widersprechend verhielt, und daß man überhaupt mit Einschluß des meinigen die Namen dreier Männer genannt hat, die wohl in Betracht kommen konnten, wenn es blos einem Prineip der Freiheit gegolten hätte, an deren Stelle aber doch wahrlich, wenn es einer Reform des Judenthums gelten sollte, ganz andere Namen sowohl in Frankfurt als anderswo lebender und wirkender Männer dursten erwartet werden. Ich kann daher, zu meinem Anfangspunkte zurückkehrend, nur mein Bedauern wiederholen, daß man eine Sache, der es gewiß an guten Keimen nicht fehlte, durch ein Haltungsloses, indiskretes Verfahren in der Geburt verdorben hall Auch das mnß ich bedauern, daß der widerwärtige Anlaß dieser Erklärung mich genöthigt hat, weit mehr, als ich es liebe, von mir selbst zu reden. Ich wünsche, daß ich nie wieder in einen solchen Fall kommen und daß es sich Niemand fortan erlauben möge, meinen Namen da zu nennen, wohin ich ihn nicht aus eignem Entschlüsse zu stellen für gut befunden Habel Hamburg, den 1. August 1843. Nr G. Rießeill Nachschrift vom 2. August. Ich fühle mich von Neuem entrüstet durch einen neuen Korrespondenz-Artikel der Kölner Zeitung, in dem ich geradezu als einer der Leiter eines Vereins bezeichnet werde, von dessen Konstituirung und Thätigkeit ich gar keine Kenntniß habe*), und das in einem Athem mit einer Auffassung der Sache, die aus eine höchst unwürdige Weise auf die Emanoipationsfrage hinschielt und von der Jeder, der die geringste Kennntniß meines Strebens hat, fühlen muß, wie widerwärtig und verächtlich sie mir ist. Das Geklatsch wird mir mit jedem neuen Artikel ekelhafter und bit' welche Anlaß dazu gegeben, haben der Sache einen sehr schlechten Dienst ewiesen und ihre Wahrheitsliebe in ein sehr schlechtes^Licht gesetzt." *) In dem Artikel steht freilich „Straßer"; da mir indessen kein Glaubensgenosse dieses Namens bekannt ist, so muß ich dem Zusammenhänge nach annehmen, daß mein Name hier lediglich verdruckt ist. Verlag von E. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.

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