Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1843)
- Article
- Kalisch: Der russische Koloß sucht die Juden zu erdrücken ...
- Date
- 1843-08-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
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- 242 - Richtige geahnt und dieselbe Scham empfunden; mit Begeisterung haben wir deine. Worte, verschlungen, ats wir sie in diesem Blatte übersetzt gefunden, und doch hast du kaum den hundertsten Theil des Unglücks gesagt! Russische Bildung hat noch keine Gklavenkerten .gesprengt, keinen nagenden Hunger gestillt, kein Jammergeschrei gedämpft, kein Elend gemindert; wir sind in Sklavenbanden und werden vom Hunger gemartert und der namenlose Jammer und das, grenzenlose Elend sind unsere Genossen. Auch der Fremde, der von unserem Wohl gesprochen, ist uns nicht zum Heile geworden; Hr. Lilie n th al hat unsere Stimmung gegen die Regierung wohl auf*eine kurze Zeit gemildert, aber die Ukase sorgen schone dafür,' daß sie gesteigerter und mächtiger unsere Herzen durchglühe. Wir sollen Schulen errichten, ohne zu wissen, wo wir unser Haupt niederlegen; wir sollen Schreiben, .Lesen .und Rechnen lernen und das-gewappnete Unglück, das mit gezücktem, blutigem Schwerte unmittelbar vor unseren Augen steht, macht uns die ganze russische Schulfuchserei zur Satyre, die emporgehetzte Knurengelehrsamkeit zur Karcikatur. M on t efiore! Mo rite fio re! du gingest nach Damaskus, um den Kerker einiger unschuldig leidenden Glaubensgenossen zu öffnen; Rußland ist für Juden ein finsterer Riesenkerker, wo zwei Millionen deiner Glaubensbrüder unter Folterqualenseufzen. Manche haben alle Kräfte der Heuchelei angewandt , damit du nicht zu uns kommest; man wußte, daß dein brittisches Herz nie und nimmer dem Wahne Raum geben würde, Schulen zu errichten ohne politisch-bürgerliche Erleichterung, wahrend die traurigsten Verfolgungen in Gesetzen geschrieben und die furchtbarsten Geißeln geschwungen werden; möge dein Herz dennoch auch für uns schlagen, vielleicht vermagst du uns Linderung zu verschaffen. Und ihr Juden Deutschlands, die ihr auf der Höhe europäischer Bildung steht und für euere unglücklichen Glaubensbrüder in der weiten Ferne so warm fühlet, werdet ihr nicht auch eure Stimme für uns erheben? . Königsberg, 12. Juli. Der Ukas vorn 2ten Mai über die Juden ist hier das Gespräch des Tages; wir können kaum unsere Gefühle beherrschen, die in uns bei der Kunde dieses Ukases erwachten. Indem wir wünschen, daß.diese Gefühle in die weitesten. Kreisen der civilisirten Welt ihr Echo finden mögen, rheile ich Ihnen einen Artikel aus der hiesigen Zeitung mit, der folgendermaaßen lautet: „Der kais. russ. Ukas vom 2. Mai. Die bürgerliche Stellung der Juden ist ein Maaßstab für die Bildung der Völker und Regierungen, unter welchen sie leben oder leiden. Sowohl die Vergangenheit als die Gegenwart gibt hievon Zeugniß. In den am meisten vorgeschrittenen Staaten hat die bürgerliche Gleichstellung der Juden bereits stactgesunden, oder es wird darauf gedrungen. Als vor einigen Jahren zu Damaskus mittelalterliche Greuelscenen sich erneuerten, und , der Islam der Erpressungen wegen auf. einen ihm sonst fremden Fanatismus einging, war es England, das zuerst dagegen amtlich einschritt und dem die andern Mächte mit edlem Eifer nachfolgten. Traurigeres hat sich kürzlich an den äußersten Grenzen europäischer Civilisation ereignet. Ein kaiserlicher Ukas befiehlt, daß alle innerhalb fünfzig Werst von der Grenze wohnenden Juden in das Innere der Gouvernements übersiedelt werden. Als Grund dieser Maaßregel wird angegeben: erstens der mit Unrecht lediglich den Juden beigemessene Schmuggelhandel. Das durch ein fast beispielloses Prohibitivsystem — bei unzulänglichen Fabriken und schlechten Fabrikaten — hervorgerufene Bedürfniß wird, selbst wenn man die Grenzen verwüsten wollte, seine Zwischeichandlee bald finden und bilden. Es werden sich, wenn die Juden vertrieben sind, noch viel keckere Schmugglerbanden einstellen. Waren es denn Juden, die zwischen England und Spanien jene blutigen Kriege entzündeten, zu denen der Schleichhandel nach dem spanischen Amerika die nächste Veranlassung gab? Treiben Juden den so wohlgeordneten Contrebandehandel Spaniens? Werden bei den unaufhörlichen Kämpfen an der belgisch-französischen Grenze, bei den kühnen Thaten englischer Schmuggler gegen bewaffnete Zöllner Juden genannt? Von' den 500,000 an der russischen Grenze wohnenden Juden beschäftigen ..sich schwerlich 500 mit diesem unerlaubten Handel/ Zweitens sollen, da den Juden das Wohnen auf dem platten Lande nur unter der Bedingung des Grundbesitzes gestattet ist, zwei Juden über eine Dorfschenke einen Scheinkauf abgeschlossen haben, der, wie alle Misbrauche, zur allerhöchsten Kenntniß gelangt ist.,, Schwerlich aber dürften dergleichen Scheinkaufe, die weder einen gefährlichen Sitz in den Kammern noch die Verleihung von Aemtern verschaffen, geeignet sein/ ein so allgemeines Strafverhangniß hervorzurufen. — Drittens werden die polnischen Juden bezüchtigt, russische Soldaten zur Desertion zu verleiten, und man darf daran kaum zweifeln, da schon mehre dieftrhalb die Strafe des Spießruthenlaufens erlitten haben. Freilich ist es unbegreiflich, was die Unglücklichen hiezu bestimmen konnte. Etwa der Wunsch, die so gelichteten Soldatenreihen durch ihre Glaubensgenossen zu füllen? oder Schadenfreude an einer Macht, die schon auf den geringsten Verdacht hin zerschmetternd einschreitet? vielleicht Geldgewinn? — belohnen aber Oesterreich und Preußen die Desertion russischer Truppen? ist diese nicht vielmehr, namentlich für Preußen, eine durch die Humanität auferlegte Last? Erklärlicher wird die fabelhafte Beschuldigung durch die Furcht strenger Regimentschefs vor Verantwortlichkeit und durch mögliche Gewissenlosigkeit — erpressungssüchtiger Beamten. Ueber eine halbe Million Menschen trifft dieser Ukas! Mitten im Frieden, ohne Grunde.—•