Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-06-27 · Heft 26 (27.6.1843) · p. Seite 207

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 26 (27.6.1843)
Article
Der Emancipationskampf im Friesenland
Date
1843-06-27
Page
Seite 207 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360283-2369717--3594-2369753
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 207 - 'schlangen > auf dessen Boden sie jetzt unwiederbringlich ruhen, so daß jede Hoffnung der WiederaufrichLuug des Tempels mit seinen alten Heiligthümern schon langst verschwunden ist; und dennoch ist das Judenthum bis heute noch nicht untergegangen. Jahrhunderte lang kämpfen seine Bekenner, in alle Winde zerstreut, unter Christen und Muhammedanern mit Schmach und Hohn und Verfolgung, mit Noch und Jammer, und sind bis heute noch immer geblieben, was sie waren — Juden. Diese Erscheinung, die in der ganzen Geschichte der Menschheit nicht ihres Gleichen hat, Läßt sich nicht anders erklären, als durch das eigenthümliche Wesen des Judenthums selbst. Dieses ist, wie oben gesagt, eine strenge Opposition gegen jegliche andere Staats- und Religionsverfassung und schließt die Unmöglichkeit einer unbedingten Aufnahme derselben in sich. Der Jude kann durchaus kein Bürger eines andern, sei es eines christlichen oder muhammedanischen Staates werden, ohne daß er damit sein ganzes Wesen aufgiebt. Man sage nicht, daß er bei der politischen Vereinigung mit einem fremden Staate ja doch seinen Glauben und seinen Gottesdienst behalten könne, denn — das geht nicht. Mit der Aufopferung seiner theokratischen Verfassung und dem Eintritt in die Rechte und Pflichten eines fremden Staatsbürgers opfert er zugleich seine Religion auf, indem die jüdische Theokratie und der jüdische Gottesdienst sich gegenseitig bedingen und Eines ohne das Andere nicht bestehen kann. So lange die Juden in der Verbannung und der Gefangenschaft leben, müssen sie freilich der weltlichen Macht/ die Gewalt über sie hat, gehorchen; aber nimmer werden sie in dem Sinn, wie Paulus, sprechen: „die Obrigkeit ist von Gott." Sie gehorchen, weil sie in ihrer Ohnmacht nicht anders können. Aus dem bisher Gesagten geht klar hervor, daß von einer Emancipation der Juden und deren völliger Aufnahme Ln das christliche Staatsbürgerthum nicht für die Christen Nachtheil zu befürchten ist, sondern dieser lediglich auf Seiten der Juden ist. Einen christlichen Staat kann es nicht gefährden , daß einige Lausend seiner Unterthanen nicht der recipirten christlichen Religion oder der herrschenden Confession, sondern dem alten mosaischen Glauben zugethan sind, so wenig wie es demselben Gefahr bringen kann, wenn einige, auch selbst Tausende seiner Glieder der unitarischen oder sociniankschen oder naturalistischen Glaubensansicht sich zuwenden. Nur die Juden selbst können bei ihrer Emancipation im Nachtheil sein, indem dadurch das Wesen des Judenthums selbst in seinen Grundprincipien erschüttert wird. Eben deßhalb fand sich auch neulich in der Leipziger Allgemeinen Zeitung des Judenthums die bedeutsame Aeußerung eines Israeliten! „Mir grauet vor der Emancipation." Aber die wenigsten unter den Juden begreifen diesen Ausspruch; die meisten träumen sich goldene Tage, wenn es dahin kommt, daß sie mit stenthum, wenn es das erlaubte! Kann man denn Jude und Nkchtjude, Christ und Nichtchrist, Türke und Nichttürke zu gleicher Zeit sein, oder scheut das Votum also jeden Schein von Partikularismus, daß ihm nur die Religionslehre genügen würde, die ihm nach Belieben Treue und Abtrünnigkeit in bunter Maskenwillkür erlaube?! Doch das nur im Vorbeigehen. Wir wollen hier alle Schief- und Halbheiten des Votums in Auffassung des Judenthums einmal zugeben, und erlauben uns nur eine einzige Frage. Wie? der Jude könne nicht in die Rechte und Pflichten eines fremden Staatsbürgers eintreten, ohne seine Religion aufzuopfern, er könne nicht einem andern Staate sich anschließen, ohne Rebell gegen seinen Gott zu werden — nicht wahr, dies ist doch der Nerv des ganzen Votums? — Wie nun, wenn nun derselbe Gott, „von dem allein er Gesetz annehmen und sich regieren lassen dürfe," wenn derselbe Gott nun ihm eben diesen Anschluß an den fremden Staat, das Eintreten in die staatsbürgerlichen Pflichten aller der Staaten, wohin Er ihn verwiesen, ausdrücklich als Pflicht auferlegt, würde da noch der staatsbürgerliche Jude aufhören Jude zu sein, würde da noch das Streben der Emancipation Abtrünnigkeit von väterlicher Religion involviren, würde dann noch der Jude vermöge seiner Religion der Rebell und Verräther gegen Fürst und Vaterland sein müssen? Oder würden dann nicht vielmehr alle Motive des Votums über den Haufen fallen, würde dann nicht vielmehr das Anschließen an den Staat, die Leistung aller bürgerlichen Pflichten, der Gehorsam .und die Verehrung gegen das Staatsoberhaupt und die Obrigkeit dem Juden heilige, religiöse, von seinem Gotte selbst gebotene Pflicht sein, der er sich nicht entziehen könne, ohne zugleich gegen seinen Gott zu rebelliren? Und siehe, also ist es! Gerade dem Juden, gerade d e m r e l i g i L s e n, se i n e r a n g e st a m m t e n R e l i g i o n, gewi ssenhaft und treu anhangend en Juden ist es religiöse, von seinem Gotte gebotene, gewissenhaft und treu zu erfüllende Pflicht, sich allen den Staaten, wohin sein Gott ihn seit 2000 Iahren gewiesen, in nützlicher, redlicher Thäligkeit anzubürgern, sein Wohl nicht getrennt von dem Staatenwohle zu betrachten, dem Wohle des Staates vielmehr mit aller Aufopferung zu dienen, und nicht nur ein äußeres legales Benehmen anzustreben, sondern mit innigster, Gott o ffen er Gefühls fülle dem Staatenwohle anzuhangen! Denn also spricht Gott zu ihm durch seinen Diener, den Propheten (Jerem.'29, 4): „Also spricht der Ewige Zebaot, Gott Israels, zu dem ganzen Exile, das Ich von Jerusalem nach Babel geführt: Bauet Häuser und bewohnet sie, pflanzet Gärten undgenießet ihre Frucht, nehmet Frauen und zeuget Söhne und Töchter und nehmet für eure Söhne Frauen und eure Töchter gebet Männern, daß sie Söhne und Töchter erzeugen, und mehret euch dort und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.