Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 25 (20.6.1843)
- Article
- Die Judenfrage [Rezension]
- Date
- 1843-06-20
- Page
- Spalte 389-390 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3W 389 Die Judenfrage. — Die Erbfolge bei den alten Hebräern. Hindernisse in der Ausübung der Staatspflichten legt. M. hat also so geschloffen: den Bürger hindert die Religion überhaupt in der Ausübung der Staatspflichten nicht, ja sie fördert noch dieselben, folglich kann sie den Juden nicht hindern, er kann also Staatsbürger sein. Abgesehen, daß das ein falscher Schluß ist, weil der Obersatz falsch ist, so hat M. vorausgesetzt, daß der Christ als Christ frei ist, und daß es nur Ln seiner Macht steht, dem nichtfreien Juden die Freiheit zu. schenken. Diese illusorische Voraussetzung haben aber seitdem alle Freunde und Feinde der Emancipation gemacht. Die ganze Emancipationsliteratur ist wie eine Erbsünde von dieser Illusion angesteckt gewesen, diese Illusion hat das unkritische Besprechen der Judenfrage möglich gemacht. Der Freund der Emancipation war kein Kritiker, er war nicht kritisch gegen sich, weil ihm das Bewußtsein der eignen Unfreihheit fehlte, er setz'Le seine Freiheit voraus, und daß er nicht kritisch war gegen die, für welche er sprach, das war das Nichtkritischsem des gegen sich Nichtkritischgewesenseins, die Konsequenz der Konsequenz. Der Feind der Emancipation war wieder ein einseitiger illusorischer Kritiker, oder besser ein theologischer Kritiker, denn er ist nur gegen Andere, aber nicht gegen sich selbst kritisch. Wenn., man diese Einseitigkeit genau ins Auge faßt, dann hat man den Schlüssel zur Bäuerischen Judenfrage. Bauers Scharfsinn konnte dies einseitige Raisonniren nicht entgehen, er hatte das Bewußtsein, daß die Judenfrage — eine allgemein menschliche Frage, und daß diese, jene ist. Die Judenfrage ist die Frage der Menschheit, und die F!r a g der Menschheit die Judenfrage. Bauer hat die Unmöglichkeit der Emancipation von christlicher Seite angesehen, ,,der Knecht kann nicht emancipiren" so lauten seine Worte. Die Judenfrage, oder die Emancipation hängt nicht von einer Versicherung ab, daß dem Juden als solchem seine Religion keine Hindernisse in den Weg legt, die Staatspflichten auszuüben, sie hängt nicht von einem Akte der Güte, der Gnade oder der Willkühr ab, „der Knecht kann nicht emancipiren". B. hat also diese vorausgesetzte Freiheit selbst kritisirt, er hat in seinen Synoptikern dem Christentum stark ans Herz gegriffen — er hat sich selbst kritisirt, er hat die Unfreiheit des Christentums eingestanden. Das Christenthum kann nicht emancipiren, und die Juden wollen, emancipirt werden? wie ist aber doch die Emaneipation möglich? Daraus giebt die Judenfrage klare und deutliche Antwort. Nur wenn das Judenthum si ch s) selbst kritisirt, nur wenn es einsieht, daß sich mit seinem Wesen'die Freiheit nicht verträgt, und wenn wiederum das. Christentum dasselbe kritische Geschäft unternimmt, und so beide 5) Hier wäre freilich der Ort, die Notwendigkeit dieser Kritik (im Bauer'schen Sinne) darzuthun, zu beweisen, daß Staate und Kirche toto coelo von einander verschieden sind, aber diese Ansichten können in diesem Blatte nicht ausgesprochen werden. ' Parteien ihre Vorurteile ablegen, nur so und nicht anders kann die Emancipation zu. Stande kommen. Ich sage „Emancipa'tion", hier meine ich nicht die Judenemancipation, sondern die Emancipation der gestimmten Menschheit im Sinne Bauers. Dies also ist die Fassung der Bauer'schen Judenfrage und ihr allgemeines Interesse. Die Ausführung muß ich aber für nichtgelungen erklären, die einzelnen Ansichten über Judentum aus wissenschaftlichen Gründen nicht billigen, so wie Bauers aufgestelltes Verhättniß des Judenthums zum Christenthum und des Christentums zum Judenthum. Was diese Punkte betrifft, so muß ich der Wiederlegung des Verfassers der Briefe meinen Beifall schenken, freilich nicht in des Verf's. theologischem Sinne, sondern nur von rein wissenschaftlicher Seite betrachtet. Diese Briefe zeugen von hoher philosophischer Bildung des Verf.'s und von spekulativer Kraft. Wenn die Ansichten des Vers, im orthodoxen Judenthume durchdringen möchten, ich glaube, daß das einen Schritt vorwärts gehen hieße. Denn das heutige Judenthum will vom Christentum nichts wissen, ja im Allgemeinen wird von den Juden das Christentum desavouirt. Der Vers, der Briefe dagegen, wie ich schon zeigte, erkennt das Christentum an, ja er erklärt ausdrücklich „Christus" als das Ideal eines Juden. Wenn man dies genau überlegt, so muß man den Vers. Muth Zutrauen, dies Bekenntniß wissenschaftlich in seiner Religionsphilosophie bewiesen zu haben, und ihn schon wegen dieser wissenschaftlichen Entschiedenheit hochachten und schätzen, weil wir die Hoffnung hegen können, daß er bei seinem entschiedenen Talente noch Schritte thun kann. Wie er aber B. positiv wiederlegt, davon werde ich in Nr. Ul. handeln. (Beschluß folgt.) Die Erbfolge bei den alten Hebräern. Ein Beitrag zur jüdischen Alterthumskunde, nach rabbinischen Quellen bearbeitet von L. Vodenheimev, Landrabbiner. (Fortsetzung.) R. Jännai, ein alter Mann, dessen Augen trübe zu werden ansingen, stützte sich auf die Schulter seines Dieners Samai und R. Jehuda Nesiah kam ihnen > entgegen. Du, sagte der Diener zu R. Janai: der Mensch, der uns entgegen kommt, er ist schön und sein Kleid ist schön, und als sie zusammentrafen, betastete Jannai das Kleid des I. Nesiah und sagte zu ihm: dieses Kleid ist so schlecht, daß es hinsichtlich des zur Aufnahme einer Unreinigkeit erforderlichen Maaßeö wie ein Sack betrachtet werden muß. Darauf fragte Jehuda Nesiah den R. Jannai: wodurch wissen wir, daß der Sohn auch beim mütterlichen Vermögen einen Vorzug vor der 25*