Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-06-20 · Heft 25 (20.6.1843) · p. Seite 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 25 (20.6.1843)
Article
Hamburg: Entgegnung
Date
1843-06-20
Page
Seite 195 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360282-2369644--3546-2369676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

195 also diese meine Thesis anbetnfft, so glaube ich sie auch jetzt noch mit gutem Gewissen vertheidigen zu können. Es ist hier nicht von einem größeren oder.kleineren Maaße der Unparteilichkeit die Rede, dessen sich der „Jsr. des 19. Jahrh." im Verhältnisse zu der „Allg. A. d. I." oder zum „Or." befleißige, vielmehr will der Jsr. des 19. Jahrh. nur eine Partei innerhalb des Judenthums reprasentiren. Ich sage, er will sie reprasentiren, aber seine Kräfte reichen dazu nicht aus und er reprasentirt sie in der That nicht; wenn er aber auch das Gegentheil darrhate, so würde er wenigstens nicht behaupten können, daß es innerhalb des Judenthums geschehe; er würde nicht zu beweisen im Stande sein, daß er im wahren Interesse aller jüdischen Fraktionen, zu Gunsten der höheren bürgerlichen Zwecke, die jetzt alle Schattirungen der Juden verfolgen müssen, gewirkt habe oder zu wirken berufen sei. Der Jsr. des 19. Jahrh. will populär sein; was aber für das Volk d. h. für die große, weniger intelligente Masse bestimmt ist, steht außerhalb, oder wenn man lieber will, unterhalb der Partei. Die Fahnen der Partei wehen nur auf den lichten Höhen der Menschheit; die stumpfe, dumpfe, trage, des dauernden Enthusiasmus unfähige Menge kann das Werkzeug, der Spielball, de geballte Faust einer Partei werden, zur Partei selbst gehört, sie dem innersten Wesen nach nimmermehr, die eigentliche Seele, den geistigen New derselben zu bilden, ist sie nimmermehr geschickt und geeignet.. Es giebt gegenwärtig innerhalb des Judenthums nur zwei entgegengesetzte Parteien: Konservative und Reformer. Konservativ ist Hr. Dr. Heß gewiß am Allerwenigsten gesinnt; aber ist ec ein Reformer? Ist er nicht vielmehr ein Radikaler? Und muß er durch Inhalt und Tendenz seiner Zeitschrift, die weder auf philosophische noch talmudistische, weder auf eigentlich publicistische noch auf homiletische Geltung Anspruch machen kann, nicht geradezu den Gegnern des Judenthums und der Juden, die über den innern Zwiespalt und die immer weiter greifende Zerfallenheit unter denselben frohlocken, geradezu in die Hände arbeiten? Hc. Dr. Heß täusche sich nicht, sein Streben geht auf die reine Negation hinaus, bei der sich der einzelne Höhergebildete allenfalls noch wohl und zufrieden fühlen kann, niemals aber eine Gemeinde, eine Konfession von Gesammtheit. Gerade die Fusion, die allmälige Verschmelzug gewonnen durch gegenseitige Zugeständnisse, welche einander die endliche Grenze des Erlaubten und Zuträglichen anweisen, gerade diese Fusion schützt das Judenthum vor Entkräftung, die Juden vor Verderben. — Weit entfernt also, den Verein der „jüd. Freien", der sich vor Kurzem in Frankfurt a. M. gebildet haben soll, zu billigen, mißbillige ich ihn durchaus; er führt zum Rückschritte für die Emancipationsbestrebungen. Der Einzelne kann seinen Zusammenhang mir der Synagoge immerhin aufgeben, wenn und soweit tec Staat es ihm erlaubt; aber lächerlich und unheilvoll zugleich ist es, gegen die einmal geltenden Staatsgesetze einen Verein von negicenden Geistern ohne verbindende positive Lehre bllden zu wollen. Diese Partei steht zwischen Thür und Angel, ja, um es richtiger auszudrücken, sie ist keine Partei, der man überhaupt einen Platz im Judenthum anweisen könnte; sie will mit dem Judenthum Nichts gemein haben. Aber darum ist sie nur eine Reihe von Individuen, keine Verbindung; sie kann nie förderlich, nur schädlich wirken, da der Staat sie, wenn er sie auch dulden sollte, nicht wird dulden wollen. Wie jetzt die Verhältnisse bestellt sind, werden die jüd. Freien nur dazu dienen, die reaktionären Gelüste der preuß. Regierung zu begünstigen. Gerade jetzt aber kommt es darauf an, dem gemeinsamen Gegner gegenüber eine dichtgeschlossene, undurchdringliche Phalanx zu bilden. Der Patteigeist muß entweder ganz und zwar durch ein gegenseitiges Kompromiß zum Schweigen gebracht werden, oder, falls dies unmöglich, müssen die Parteien, als einander ebenbürtige, die Anerkennung des Staates oder, wie in Hamburg, die der öffentlichen Meinung ansprechen dürfen; sie müssen sich frei in parallelen Bahnen ungestört und öffentlich entwickeln können, damit man sie an ihren Früchten erkenne. Weder die Unterdrückung aller Parteien zu Gunsten einer herrschenden, noch die unendliche Vermehrung derselben fromm: den Juden; zwei Parteien und nur zwei müssen einander das Gleichgewicht zu halten suchen, bis einst auf dem Wege der Ueberzeugung beide mit einander verschmelzen. Der Radikalismushindert diese Versöhnung; er ist kein Mittelglied weder innerhalb des Judenthums selbst, noch zwischen Juden-und Christenthum, noch auch zwischen Kirche und Staat. — Nur die jüdische Gemeinde kann durch das Votum der Gesammtheit oder ihrer freigewählten Repräsentanten ihren Kultus verbessern; der Staat darf ohne Kränkung und Verletzung der Gewissensfreiheit sich nicht darein mischen, und der Rabbiner darf die Hilfe der Regierung nur bei offenbaren Ordnungswidrigkeiten einzelner Gemeindemitglieder, nie gegen den Widerstand der, wenn auch minderbegüterten und minderintelligentm Mehrzahl in Anspruch nehmen. Hr. Dr. Heß hat vor Jahren in entgegengesetzter Weise gehandelt; er hat Zwang gegen die Gewissen geübt oder üben lassen. Und mag er auch später in seiner Gemeinde die Einigkeit wiederhergestellt haben: die frühere Schuld wird dadurch nicht getilgt. Wir wollen Hrn. Heß nicht mistrauen, wenn er uns zur Anschauung des in Stadt-Lengsfeld herrschenden einträchtigen Sinnes auffordert und des Triumphes im Voraus gewiß zu sein glaubt; aber weiß er nicht, daß der alte Spruch: Tempora mulantur et nos inulamur in illis, hier seine Anwendung finden kann und vielleicht in der That gefunden hat? Die Gemeinde hat sich gefügt, das ist möglich, glaublich, wahrscheinlich; aber nach welchen 25* '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.